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Ruhig und festen Schrittes durchs Leben schreiten

Cusanus, ein katholischer Renaissance-Philosoph, beschreibt in seinem Dialog „Der Laie über den Geist“ den Philosophen, welcher einer der Hauptfiguren in diesem Text sind, dass er ‚festen Schrittes‘ geht und dennoch nicht träge wirkt. Diese Kleinigkeit im Gebaren meine ich macht schon einen Unterschied. So ähnlich wie man an der brechenden Stimme Nervosität erkennt oder am Zittern die Aufgeregtheit, so erkennt man den Gemütszustand einer Person am Gang. Jemand der festen Schrittes geht, der steht mit beiden Beinen ganz in der Welt, der weiß um die Erdschwere der Wirklichkeit, der ist sich auch der Größe des Kosmos gewahr. Wer festen Schrittes voran geht, der ist achtsam. Er hat seinen Gang in Kontrolle, weil er sich selbst unter Kontrolle hat. Womöglich steht er hinter dem, was er denkt.

Ferner meine ich, dass Menschen, die festen Schrittes auftreten, sich über ihre Verbundenheit mit dem Kosmos eins wissen. Da sie ihren Leib offenbar kontrollieren können, kennen sie ihn, und damit auch die Endlichkeit seiner Kräfte. Sie kennen ebenso die Härte der Welt, an die sie durch den festen Bodenkontakt erinnert werden.

Der letzte Beitrag endete mit den Worten, dass wir an uns selbst arbeiten sollen, damit wir mit beiden Beinen in der Welt stehen. Was bedeutet das? Was macht die Selbstsicherheit eines Menschen aus, der nach stoischer Manier schreitet?

Epiktet lehrt uns, dass wir das, was aus uns entsteht, in Bahnen bringen können: Persönliche Geschmacksurteile können abgeändert werden; Handlungsimpulse können gesteuert werden; das Besitzstreben kann gelenkt und gezügelt werden; und Vermeidungsverhalten kann aufgelöst werden. Charakterbildung findet hier statt. Indem wir unsere Geschmacksurteile (Meinungen), Handlungsimpulse (unser Trachten), Besitzstreben (Habsucht) und unser Vermeidungsverhalten (Bequemlichkeit) eine Bahn geben, erwerben wir Kontrolle darüber. Aus fortwährender Kontrolle entsteht eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit ein Charakterzug.

An anderer Stelle des Blogs (in den Eintragungen am 2. Mai und 3. Mai 2021) habe ich Tugend und Charakter auf dieselbe Weise erklärt. Tugend ist der feste Vorsatz, der zur Charaktereigenschaft geworden ist. Damit ein Vorsatz gesetzt wird, muss aus eigener Wahl eine persönliches Ziel (die Tugend, die man erwerben möchte) anvisiert werden. Dieses Ziel kann von nun an anvisiert werden im täglichen Entscheiden und Auswählen.

Eines der hohen Ziele, die ein Stoiker verfolgt, ist es, die Kontrolle über seine seelischen Erregungen (Affekte) zu haben. „Affekt“ als philosophisches Fachwort bezeichnet seelische Erregungen und Gemütslagen wie Sorge und Angst, aber auch Zorn, Bitterkeit, Groll, überwältigende Zustände von Furcht, heftige Liebe, Eifersucht, Sehsucht, Neid oder übersteigerte Freude. Affekt bedeutet wörtlich so etwas wie „von etwas angerührt werden, betroffen werden sein von etwas“. Dahinter steckt eindeutig die Entdeckung, dass der Affekt aus einem Teil unseres Wesen entsteht, der nicht das denkende Bewusstsein ist. Affekte scheinen aus dem dunklen Grund der Seele aufzusteigen. Was sie dann typischerweise bewirken ist: Sie hemmen uns und sie schränken das klare, gesunde Denken ein. Diese Hemmung des Bewusstseins durch Affekte – das erkennen die Stoiker als ein großes Übel an. Sie empfehlen, dass man gegen dieses Übel vorgeht, indem man das Aufsteigen der Affekte kontrolliert, um so das klare Denken zu bewahren. Das Stichwort, welches in diesem Zusammenhang zu nennen ist, ist die sprichwörtliche Stoische Ruhe.

Die Ruhe des Gemüts, das die Stoiker empfehlen ist ein konstanter Zustand der Affektlosigkeit, der auch nicht durch plötzliche Ereignisse gestört wird. Es geht darum, sich von seinen Affekten zu distanzieren, sie zu betrachten und anzuerkennen lernen, aber Abstand davon zu halten, sich an sie zu verlieren. Die Stoiker wissen, das Aufsteigen des Affektes ist nicht zu verhindern – das ist eine ganz und gar natürliche Sache: Naturgesetzlich entstehen in uns (Säugetieren) affektive Reaktionen auf äußerliche Ereignisse oder auf innerliche Vorstellungsbilder. Die stoische Einübung der Ruhe beginnt in dem Moment, wo der Affekt aufsteigt. Wenn er aufsteigt, dann können wir sagen: „Hallo Zorn!“ oder „Ich werde zornig.“ – falls uns das gelingt, haben wir schon fast gewonnen. Denn der größte Feind der Affekte das selbstkontrollierte Betrachten. Affekte gewinnen nur dann Besitz an unserem Denken, wenn wir uns in sie hineinfallen lassen. Beobachten wir sie aber mit dem klaren Verstand, dann sinken sie wieder ab dahin wo sie hingekommen sind und ihre Intensität lässt nach.

Seit jeher wird sich eine Geschichte erzählt, die sich auf offener See zugespielt haben soll. Das Schiff ist mitsamt seines berühmten Passagiers, eines ehrenwerten stoischen Lehrers, in den heftigsten Sturm des Jahres geraten. Alle Insassen erlebten Stunden der Angst, mehrmals drohte der Kahn zu kentern. Nachdem – Zeus sei’s gedankt – die Flaute kam und sich die Lage beruhigte, trat der Kapitän an den Stoiker heran. „Ich wundere mich,“ sagte er, „Sie sind so leichenblass wie alle anderen und ich habe Sie schlottern sehen.“ – „Ja.“, bestätigte der Stoiker. „Und doch sind sie ein stoischer Lehrer. Ich dachte, sie erleben keine Angst.“ „Das ist richtig, ich verpflichte mich der stoischen Lehre. Diese besagt, dass es natürliche Affekte gibt, deren Entstehen wir nicht verhindern können. Das einzige, was in unserer Kontrolle liegt, ist es, diese Affekte nicht Oberhand gewinnen zu lassen.“

Durch die Jahrhunderte ist die Ruhe des Gemüts, welche als eine stoische Großtugend gilt, verschiedentlich benannt worden. So heißt mal „Unerschütterlichkeit,“ oder „Unerschrockenheit“ oder „Affektlosigkeit.“ Einen einprägsamen Namen hat der römische Philosoph Seneca gefunden: Er nennt sie Gleichmut oder Gleichgewicht der Seele (tranquilitas Anima). Auch englisch und italienisch hat sie den Namen „serenity“ bzw. „serenita.“ Das deutsche Wort – Gelassenheit – passt nicht ganz. [Mit Kollegen Becker habe ich in der Podcast-Folge darüber geredet: https://www.youtube.com/watch?v=7vwAytU7ACg.] Dazu werde ich in einem separaten Beitrag schreiben.

Gemütsruhe ist die Art mit beiden Beinen in der Welt zu stehen, die die Stoiker am meisten achten. Gemütsruhe ist der Charakterzug, der im Stoizismus am meisten dem Ideal eines weisen Menschen (in chauvinistischer Vorzeit: dem weisen Mann) entsprach und ihm anstand. Festen Schrittes zu schreiten, kontrolliert zu sein, dafür muss man das seelische Gleichgewicht halten, die Affekte beobachten lernen und einen Umgang damit einüben. Charakterbildung ist so ein Umgehen-Lernen mit den Affekten. Selbstkontrolle ist auch Affektkontrolle.

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