Kategorien
Allgemein

Hallo Welt!

Willkommen bei WordPress! Dies ist dein erster Beitrag. Bearbeite oder l├Âsche ihn, um deine Blogging-Reise zu beginnen.

Kategorien
Allgemein

├ťber Selbst├╝berwindung und Wachstum (Stirb und Werde)

Den letzten Beitrag habe ich mit einem Gedicht von Goethe beendet. Diesen will ich mit einem anfangen lassen.

Johann Wolfgang von Goethe
Selige Sehnsucht

[Auszug]

Lange habÔÇÖ ich mich gestr├Ąubt,
Endlich gab ich nach;
Wenn der alte Mensch zerst├Ąubt,
Wird der neue wach;


Und solang Du dies nicht hast,
Dieses ÔÇ×Stirb und WerdeÔÇť
Bist Du noch ein tr├╝ber Gast
Auf der sch├Ânen Erde.

Es entstammt dem Zyklus „West-├ľstlicher-Diwan,“ in welchem Goethe sich abarbeitet an orientalischen Weisheitslehren. Die erste Strophe des hier zitierten Auszugs ist aber ein sp├Ąterer Zusatz; nur die letzte hier genannte Strophe taucht im Original auf.

Ich m├Âchte mit diesem Gedicht auf ein Thema zusteuern, das mich philosophisch packt und seit Jahren nicht losl├Ąsst. Es ist das Thema des Wachstums und der Erneuerung durch Loslassen und Selbst├╝berwindung. Dieses Thema steckt in den Zeilen Goethes genial verpackt.

Wer sich schonmal bewusst dabei erlebt hat, was es als Person bedeutet ├╝ber sich selbst hinauszuwachsen, wei├č, was „stirb und werde“ bedeutet. Man muss einen Teil von sich sterben lassen, um ein neuer Mensch zu werden. Der alte Mensch muss blass werden, seine eigene Identit├Ąt und die falschen Verhaltensmuster m├╝ssen so fein werden, dass sie zerst├Ąuben (wie Goethe es sagt). Man muss dieser Art von Selbsttod – welcher nat├╝rlich nicht der physische Tod ist – mit Offenheit entgegentreten. Und wer kennt es nicht, dieses Str├Ąuben? Sich str├Ąuben gegen Ver├Ąnderung.

Ein neuer Mensch werden? Mich ├Ąndern? Warum? Ich bin doch gut genug! Meine gr├Â├čte St├Ąrke ist es, dass ich seit 20 Jahren derselbe bin! Du kannst mir trauen. Ich bin gut so wie ich bin. – Dies ist die Stimme der Verweigerung. Folgen wir diesen Argumenten, dann haben wir Angst, uns selbst zu verlieren. Goethe nennt die Menschen, die Angst um sich selbst haben allein deshalb, weil sie nicht wissen, was sie sonst noch sein k├Ânnten: tr├╝be Erdeng├Ąste. Da, wo ich herkomme, nennt man sie manchmal tr├╝be Tassen. Solch tr├╝be Tassen f├╝rchten die Ver├Ąnderung, weil sie etwas neues bringt. Aus keinem anderen Grund. Sie f├╝rchten die Transformation, weil sie etwas sterben l├Ąsst.

Dahinter steckt eine philosophische Angst. Jeder Wechsel bringt Vernichtung. Das Alte wird zum Neuen dadurch, dass es stirbt. Wer sich nicht loslassen will, der setzt sich letztlich gegen die Ver├Ąnderung zur Wehr, denn er f├╝rchtet um sich selbst, um alles, was er hat.

In der Natur kann die Vernichtung des Alten oft der Anfang neuen Lebens sein. Es gibt Spinnen, die sich ihrem Nachwuchs als Nahrung anbieten. Weniger nekromantisch ist das Bild vom toten Wald, das Jordan Peterson manchmal bringt: In Urw├Ąldern stapelt sich am Boden ├╝ber die Jahre das Totholz; selbst die Myriaden von Insekten und Bakterien sind mit dem Kompostieren des Totholzes ├╝berfordert. Deswegen ist der Blitz und der dadurch entz├╝ndete Waldbrand so ├╝berlebenswichtig f├╝r das ├ľkosystem Urwald. Der Waldbrand schafft das Totholz weg. Die Rinden der B├Ąume bewirken einen Schutz gegen den Brand. Nach dem Brand ist der Boden vom Ballast erl├Âst und die Keimlinge der B├Ąume k├Ânnen sich ungehemmt gegen die Sonne strecken. Eine neue Generation Wald beginnt hier. Der tote ├ťberschuss des Alten war ein Hemmnis f├╝r das neue; seine Vernichtung brachte den Zyklus ans Laufen.

Was ist der tote ├ťberschuss in meinem Pers├Ânlichkeitssystem? Auch meine ├ťberzeugungen, meine Gewohnheiten, meine Identit├Ąten und meine Loyalit├Ąten sind manchmal wie das Totholz, das die zarten Triebe meiner Selbst beim Wachstum hemmt.

Stirb und werde. Das ist die Antwort f├╝r jemanden, der gehemmt wird durch den Ballst der fr├╝heren Anpassungen an seine Welt. Denn das sind ├ťberzeugungen, Gewohnheiten. Identit├Ąten und Loyalit├Ąten meist: Anpassungen an Menschen, die ich regelm├Ą├čig treffe. Anpassungen Pflichten, die ich aufgrund von Berufsrollen zugewiesen bekomme. Anpassungen an Situationen, die ich im Alltag begegne. Wenn sich mein Leben ├Ąndert (oder wenn ich mich selbst ├Ąndere, z. B. erwachsen werden), dann ├Ąndert sich die Umwelt. Logischerweise folgt daraus, dass meine erworbenen Anpassungen unzeitgem├Ą├č, unsachgem├Ą├č, unpassend, objektlos, leer, hohl und dergleichen werden. W├Ąhlen Sie das Wort zur Beschreibung des Umstands selbst.

Es sind deshalb die bedeuteten Wechsel in unserem Leben, welche uns belasten. Dies kann der Wechsel von Schule zu Beruf, von Kind zu Erwachsenen, von Wohnungsort zu Wohnungsart, der Verlust von Freunden, der Jobwechsel, der Jobverlust, die Verrentung und dergleichen sein. Immer wenn wir uns an die Welt anpassen m├╝ssen, m├╝ssen wir einen Teil von uns sterben lassen.

Interessanterweise m├╝ssen wir das auch tun, wenn wir weise werden m├Âchten. Denn der Weise verh├Ąlt sich zum Erwachsenen, wie der Erwachsene zum Kind. Aber dieses Thema m├Âchte ich hier nicht vertiefen.

Stirb und werde macht Angst, weil die Zukunft ungewiss ist. Wer wird man sein, wenn man nicht mehr der ist, der ist man war? Goethe tr├Âstet im Gedicht, dass in unmittelbarer Folge der Transformation nach der ├ťberwindung eines Selbst gleich der neue Mensch wartet. Und er hat nicht unrecht damit.

Eine der Medien-Theologinnen der ev. Kirche hat diesen Trost so ausgedr├╝ckt: Du kannst nicht tiefer Fallen als in die Hand Gottes. Ob man damit etwas anfangen kann, sei jedem selbst ├╝berlassen. Es ist jedoch derselbe Gedanke: Es gibt nach dem Verlust des Selbst (der ├ťberzeugungen, Gewohnheit, Identit├Ąten, Loyalit├Ąten) immer einen Hof in der Seele, in dem man geborgen ist. Der Selbstverlust ist keine Vernichtung. Zerst├Ârt wird eine Person, nicht die Existenz. Wie bei einer faulen Zwiebel wird die oberste Schicht entfernt, der Kern bleibt bestehen. Das Nichts das droht, ist das Objekt der selbsterzeugten Furcht.

Dieser Furcht sich zu stellen, ist das tugendhafte Moment am Menschen, der sich selbst ├╝berwinden kann.

Ich m├Âchte noch einmal auf die Moral des letzten Beitrags zur├╝ckkommen. Dort begegnete uns im St├╝ck von T.S.Eliot jene junge Frau, die sich an den Psychologen auf der Party mit einer zutiefst metaphysische Bemerkung wandte. Sie w├╝nsche sich, dass sie selbst der Ursache f├╝r ihr Leiden (ihre Furcht, ihre Sorgen, ihre ├ängste) sei und nicht etwas anderes in der Welt. Denn, so ihre Bef├╝rchtung, w├Ąre ihr Leiden durch die Konstellation in der Natur verursacht, so w├Ąre es f├╝r immer da.

Jordan Peterson merkt an, dass im j├╝disch-christlichen Westen sich die Technik herausgebildet hat, dass bei einem Konflikt zwischen der Welt und der Person, die Person geopfert werden m├╝sse, um sich des Konflikts zu entledigen. Der Mensch muss einen Teil seines Wesens verbrennen lassen (wie jenes Totholz), um als neuer Mensch zu wachsen.

Peterson meint zudem, dass hier das alte mythische Bild vom brennenden Vogel, dem Ph├Ânix, seinen Grund hat. Er zerf├Ąllt von Zeit zu Zeit zu Asche, um ges├╝nder und j├╝nger zu werden. Dies ist ein Paradox unserer Psyche: So existieren wir in diesem Universum. Um uns zu erneuern, muss ein Teil von uns sterben.

Das Stirb und Werde im Gedicht Goethes ist so besehen eine Tugend. Es ist eine Sinnesart sich selbst gegen├╝ber zu begegnen: Wer kann ich noch werden? Ist ein Teil von mir die Ursache f├╝r mein Leiden?

Der geneigte Leser wird vielleicht erfahren wollen, dass das Wort ‚Person‘ als philosophisch-psychologisches Fachwort viel schillerndere Bedeutungen hat als nur ‚Mensch.‘ Ich m├Âchte das dreimal unterstreichen. Das Wort Person ist in der normalen Sprache ein Z├Ąhlwort: „Bitte nicht mehr als f├╝nf Personen im Aufzug.“

In der Sprache der Wissensgebiete Philosophie und Psychologie aber hat dieses Wort immens genauere Bedeutung. Person ist ein Teil unseres Selbst. Manchmal bedeutet Person ‚Maske,‘ etwa in dem Sinne, dass wir alle auf der B├╝hne des Alltags unsere Pflichten und Rollen einnehmen wie die Schauspieler. Wie jener Kellner, von dem J.P. Sartre im Buch „Das Sein und das Nichts“ schreibt: Wie gekonnt er die Miene zieht, wie er sein Tablet h├Ąlt, die G├Ąste empf├Ąngt, wie er sich professionell verh├Ąlt, nicht auff├Ąllt. Wir alle k├Ânnen Profis sein, auf der Arbeit, im Privaten. Doch das sind Masken, die wir aufsetzen. Diese Masken k├Ânnen wir auch wegwerfen – das w├Ąre ein erster Schritt zu stirb und werden.
Manchmal hei├čt Person auch ‚Mind-Set,‘ das ist eine bestimmte Art wie wir unsere ├ťberzeugungen und Gewohnheiten ausgebildeter haben, was wir wichtig finden, und wem unsere Loyalit├Ąt gilt. Auch dieses Mind-Set kann sterben, um Platz zu machen.
Es ist mir daran gelegen, pr├Ązise zu reden. Die Person zu opfern, um besser zu leben, um aufzubl├╝hen, um sich zu erneuern – das ist der Aufruf zur ├ťberwindung eines St├╝ck des Selbst.

Selbst├╝berwindung gibt dem inneren Menschen Kraft um Neues wachsen zu lassen. Probieren Sie es aus!

Kategorien
Allgemein

Der innere Mensch ist wandelbar

In meinen Beitr├Ągen handelte ich bisher haupts├Ąchlich ├╝ber die Selbstkontrolle und die Selbststeuerung. Die Selbstkontrolle habe ich kontrastiert mit dem, was ├╝berhaupt nicht kontrolliert werden kann. Selbstverst├Ąndlich rede ich hier nicht von realen Dingen, sondern von der Verallgemeinerung von Erfahrung der Kontrolle oder der Ohnmacht. Den Bereich der Ohnmacht nannte ich das Unverf├╝gbare. Dies umfasst z. B. den nat├╝rlichen Lauf der Dinge, den Charakter anderer Menschen oder das In-Kraft-Sein dieser oder jenes Gesetztes. Ich erfahre Unverf├╝gbarkeit, wenn ich mit W├╝nschen und Willen nichts an der Faktizit├Ąt ver├Ąndern kann. Die Realit├Ąt der Unverf├╝gbarkeit zeigt sich mir im Erleben von Widerst├Ąndigkeit. Dabei ist das Unverf├╝gbare nicht zwingend etwas au├čer mir; schon das Faktum, dass mein Leib altert (der Lauf der Dinge), zeigt mir, dass ich an mir etwas unverf├╝gbar ist. Ferner ist etwa auch unverf├╝gbar, ob ich gerade diese oder jene seelische Erregung (Affekt) erfahre. Kontrollieren kann ich nicht das Auftauchen – welches, wie wir wissen, bio-chemisch gestreut wird (Lauf der Dinge). Kontrollieren kann ich, ob ich mich dem Affekt anheimgebe; alternativ kann ich ihn beobachten, anerkennen, aufl├Âsen.

Dem Bereich des Unverf├╝gbaren gegen├╝ber gestellt war die frohe Botschaft vom Bereich der Kontrolle. In der christlichen Tradition nennt man diesen Bereich den ‚inneren Menschen,‘ ich bin gl├╝cklich mit dieser Benennung, ich finde sie passend. Ich zwinge sie niemanden auf. Alternativ kann man diesen Bereich auch das Selbst nennen, obwohl das Selbst nur die Art des Zugriffs darauf ist. In loser Anlehnung an die Tradition des Deutschen Idealismus bietet es sich alternativ an, vom endlichen Bewusstsein zu reden. Damit ist der Inbegriff aller intellektiven, emotiven und volitiven Akte gemeint, die als das Subjektive einer objektiven Wirklichkeit gegen├╝berstehen.**

Der innere Mensch jedenfalls f├╝hrt das eigent├╝mliche Dasein, dass er in die Welt schaut. Keine andere Sache der Welt hat diesen Blick der Subjektivit├Ąt. Es ist das Subjektive – das wir selbst sind. Und dieses Ich hat das eigenartige Schicksal nicht vollkommen Teil dieser Welt zu sein: denn es hat Perspektive auf die Welt. Ich meine hier den vom Philosophen Schopenhauer so genannten „Weltknoten:“ Die Welt ist in meinem Kopf und mein Kopf ist in der Welt. Das Ich ist das, was schaut. Es ist das, was man in einigen Traditionen in Indien den „Seher der Sicht, der nicht gesehen wird“ nennt.

Der innere Mensch jedenfalls schaut nicht blo├č, er kann sich auch zu sich selbst verhalten. Seinen Charakter kann er ausformen. Er kann das Resultat seiner eigenen Anstrengungen, Vors├Ątze und Entscheidungen werden. Das schafft er durch Kontrolle und Steuerung seiner Pl├Ąne, seiner Affekte und seiner Impulse. Wie der Wagenlenker im Gleichnis Platons muss er dabei stets den Weg im Auge behalten. Er muss sich orientieren an einem Stern oder einem ├Ąhnlichen Fixpunkt, um ├╝ber seine Anstrengung im Umgang mit sich nicht die Fahrtrichtung zu verlieren.

Ich m├Âchte den geneigten Leser in den kommenden Beitr├Ągen mitnehmen auf eine intellektuelle Reise dahin, diesen inneren Menschen besser zu verstehen. Auf dieser Reise werde ich viel Anleihen bei der Existenzphilosophie machen.

Beginnen m├Âchte ich mit einer Geschichte aus dem zweiten Akt von T.S. Eliots Kom├Âdie „Die Cocktailparty“ ****

Eine junge Frau wendet sich im Rahmen einer Party mit ihren psychischen Problemen an einen Arzt, der ebenfalls ein Gast ist. Sie schildert ihm ihre Symptome – Unbehagen, Zweifel, Reue – und schiebt ausdr├╝cklich nach, dass sie sich w├╝nsche, dass die Ursache f├╝r diese Probleme in ihrem eigenen Verhalten l├Ągen.
Der Arzt, der bis dahin ganz professionell der Symptomatik gefolgt ist, reagiert verbl├╝fft ├╝ber den Nachsatz und fragt verwundert nach, ob sie sicher sei, dass sie sich das W├╝nschen k├Ânne.
Ja, antwortet die Frau. Sollten ihre Probleme ihre Ursache in der objektiven Realit├Ąt haben, dann w├Ąren die Probleme doch unab├Ąnderlich. Und wenn das der Fall sein sollte, dann geh├Ârten sie doch zur Struktur der Welt dazu. Das w├Ąre aber doch f├╝rchterlich. Denn dann w├╝rden ihre Probleme ja niemals verschwinden. Das sei der Grund, weshalb sie hoffe, dass das Problem bei ihr l├Ąge; denn dann k├Ânne sie sich ├Ąndern.

Inspiriert diese Geschichte nachzuerz├Ąhlen hat mich Jordan Peterson, welcher sie selbst in seinen Reden zur Selbsttransformation benutzt. Die junge Frau hat hier einen tiefen Gedanken: L├Ągen die Probleme, die uns psychisch zu schaffen machen, in der Struktur der Wirklichkeit begr├╝ndet, dann w├Ąre das tats├Ąchlich f├╝rchterlich. Dann w├Ąre ihr permanentes Dasein unab├Ąnderlich und ihr Auftreten unausweichlich. Die gute Nachricht ist vielleicht, dass das Universum, in dem wir leben, so nicht ist. Unser Universum ist so konstelliert, dass Unbehagen, Reue, Zweifel, Angst, Sorge und andere Leiden das Resultat von pers├Ânlichen Werten und Einstellungen sind. Die junge Frau hofft zu Recht, dass ein Wechsel von Werten und Einstellungen – eine transformative Erfahrung, ein Wechsel in der Pers├Ânlichkeit – ihr helfen kann. Sie ist auf dem richtigen Weg, wenn sie die Ursache der Problematik auch bei sich sucht.

– Ich habe die berufsethische Pflicht an dieser Stelle dies klarzustellen:
Die Rede ist hier von sogenannten neurotischen Leiden, welches sich oft in Zust├Ąnden von Angst, Furcht, Sorge, Zweifel ausdr├╝ckt. Neurotische Leiden haben etwas mit der Fehlanpassung des mentalen Systems zu tun; sie k├Ânnen durch Gespr├Ąchstherapie und kognitive Verhaltenstherapie (und andere Verfahren) ver├Ąndert werden. ABER: Einige psychische Leiden wie Schizophrenie oder Depression haben organische Ursachen und fallen in den Bereich des Unverf├╝gbaren; ihre Medikation ist zwingend erforderlich, Selbsttransformation kann nur begleitend therapeutischen Nutzen haben. –

Im stoischen Sinne ist sich die junge Frau gewahr, dass sie sich nach Innen wenden muss, um eine L├Âsung zu finden. Was ferner in dieser Geschichte durchscheint ist ein Gedanke von Dankbarkeit, Dankbarkeit daf├╝r, dass wir Wesen sind, die ver├Ąnderungsf├Ąhig sind. Unsere psychische Konstitution geht nicht in der Faktizit├Ąt auf. Sie ist ab├Ąnderbar. Daf├╝r k├Ânnen wir dankbar sein.

An diesem Themengebiet – Selbsttransformation durch Einstellungswandel – werde ich in den n├Ąchsten Beitr├Ągen arbeiten.

Mir ist danach, dich, geneigter Leser, mit einem sch├Ânen Gedicht zu verabschieden. Es ist von Goethe und hei├čt Verm├Ąchtnis. Insbesondere die dritte Strophe – sofort nun wende dich nach innen, das Zentrum findet du da drinnen – passt thematisch zu dem heutigen Beitrag.



Johann Wolfgang von Goethe

Verm├Ąchtnis


Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen! 
Das Ewige regt sich fort in allen, 
Am Sein erhalte dich begl├╝ckt! 
Das Sein ist ewig, denn Gesetze 
Bewahren die lebendigen Sch├Ątze, 
Aus welchen sich das All geschm├╝ckt.

Das Wahre war schon l├Ąngst gefunden, 
Hat edle Geisterschaft verbunden; 
Das alte Wahre, fa├č es an! 
Verdank es, Erdensohn, dem Weisen, 
Der ihr, die Sonne zu umkreisen, 
Und dem Geschwister wies die Bahn.

Sofort nun wende dich nach innen, 
Das Zentrum findest du da drinnen, 
Woran kein Edler zweifeln mag. 
Wirst keine Regel da vermissen; 
Denn das selbst├Ąndige Gewissen 
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen; 
Kein Falsches lassen sie dich schauen, 
Wenn dein Verstand dich wach erh├Ąlt. 
Mit frischem Blick bemerke freudig, 
Und wandle sicher wie geschmeidig 
Durch Auen reich begabter Welt.

Genie├če m├Ą├čig F├╝ll und Segen; 
Vernunft sei ├╝berall zugegen, 
Wo Leben sich des Lebens freut. 
Dann ist Vergangenheit best├Ąndig, 
Das K├╝nftige voraus lebendig, 
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Und war es endlich dir gelungen, 
Und bist du vom Gef├╝hl durchdrungen: 
Was fruchtbar ist, allein ist wahr – 
Du pr├╝fst das allgemeine Walten, 
Es wird nach seiner Weise schalten, 
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von alters her, im Stillen, 
Ein Liebewerk nach eignem Willen 
Der Philosoph, der Dichter schuf, 
So wirst du sch├Ânste Gunst erzielen: 
Denn edlen Seelen vorzuf├╝hlen 
Ist w├╝nschenswertester Beruf.


____________________________________________________________

Anmerkungen:

** Hier ist eingebettet die alte Definition des Geistes (lateinisch: mens) als der Inbegriff aller objektbezogenen Vorstellungen (Kognitionen) und intelligenten Schlussfolgerungen (Intellekt), der objektbezogenen Erregungszust├Ąnde (Affekte und Emotionen) und der Handlungsimpulse (Volitionen, der Wille).

**** T. S. Eliot, Die Cocktailparty, Suhrkamp Taschenbuchverlag 1950, deutsche ├ťbersetzung, S. 134.

Kategorien
Allgemein

In ├ťbereinstimmung mit der Natur leben

Die letzten Beitr├Ąge zur Selbstkontrolle sollten einen Sinn f├╝r die stoische Lebensphilosophie vermitteln. Selbstkontrolle war f├╝r Stoiker eine der wertvollsten Haben, die man sich im Leben erarbeiten kann. Stoische Charakterbildung, stoische moralische Erziehung und stoische spirituelle ├ťbung hat Selbststeuerung zum hohen Ziel. Denn, so sagt es die Klugheit, wer sich kontrollieren kann, der ist f├╝r alle m├Âglichen zuk├╝nftigen F├Ąlle zuger├╝stet. Der Kontrollierte wird ein gelingendes Leben f├╝hren.

So wie alle lebensphilosophischen Schulen beruft sich auch die stoische auf Sokrates. Dessen Lieblingsthema beim Philosophieren war: Was ist das beste, das der Mensch aus sich machen kann? – Die Stoiker antworten darauf mit stolzer Brust: Sich selber kennen und sich kontrollieren. Warum das denn so sei? Weil es von Vollkommenheit zeugt, dass wir leben, wie es unserer Natur entspricht. Der Mensch hat die Pflicht, seine nat├╝rlichen Anlagen zu entwickeln.

Diesen f├╝r die stoische Lebensart zentralen Gedanken will ich hier erl├Ąutern. Es wird sich herausstellen, dass er auch heute noch sinnvoll in ein philosophisches Leben eingegliedert werden kann. Stichwortartig hat sich diese alte Lehre erhalten in dem Spruch: „In ├ťbereinstimmung mit der Natur leben – das ist die vollkommenste Art zu leben.“

Die Gr├╝nder der Stoa: Zenon, Kleanthes, Chrysipp

Massimo Pigliucci, ein zeitgen├Âssischer Lehrer des Stoizismus, leitet seine Ausf├╝hrung zu diesem Thema immer ein mit dem Witz von den Hippies: In ├ťbereinstimmung mit der Natur leben, bedeutet nicht nackt in den Wald gehen und B├Ąume umarmen. Das ist v├Âllig in Ordnung, aber nicht die Praxis nach stoischer Lehre.
In ├ťbereinstimmung mit der Natur leben ÔÇô dieser Wahlspruch f├╝r die stoische Lebensart ÔÇô f├╝hrt zur├╝ck auf die ersten Stoiker in Athen. Der Gr├╝nder der Stoa, Zenon von Kition, hat gelehrt: „Einstimmig sollst du leben.“ Er meint damit: Du sollst mit deinem Wesen ├╝bereinstimmen; vollziehe keine T├Ątigkeiten, die deinem Weisen widersprechen.

„Einstimmig sollst du leben.“

Zenon von Kition

Wohlgemerkt: F├╝r den Stoiker geht es um das Praktische: Wie bringen wir Worte und Taten zusammen? Wie Bed├╝rfnisse und Befriedigung? Wie W├╝nsche und Handlungen? Wie werden aus blo├čen Pl├Ąnen und Vorhaben Verdienste und Erfolge? – Zenons Antwort ist grundlegend: Widerspreche bei allem, was du tust, niemals Dir selbst.

„Mit der Natur einstimmig sollst du leben.“

Kleanthes von Assos

Man kann sich vorstellen, dass diese sehr allgemeine Weisheitslehre viele Diskussionen ├╝ber ihre Anwendung erzeugt hat. Kleanthes von Assos, der Nachfolger Zenons als Leiter der Schule, hat die Formel erg├Ąnzt zu: „Mit der Natur einstimmig sollst du leben.“

Die Natur ist im philosophischen Verst├Ąndnis, das, was von sich aus existiert. Die Philosophen reden auch von der Natur eines Einzeldings. Mit der Natur von etwas ist immer gemeint, wie etwas gewachsen ist, von was von einer (nat├╝rlichen) Art es ist, seine (nat├╝rliche) Beschaffenheit, sein Wesen.

„Lebe einstimmig mit dir selbst und dem Universum, dann erreichst du Einstimmigkeit mit der Natur.“

Chrysippos von Soloi

Chrysippos von Soloi, der Nachfolger von Kleanthes, erkl├Ąrt denn auch ferner: „Mit der Natur einstimmig soll man leben. Das bedeutet: Einstimmig mit sich und mit dem Universum.“

Mit anderen Worten: Die genannten Gr├╝nder der Stoa fordern uns auf zu pr├╝fen, ob unsere W├╝nsche, Begierde, Pl├Ąne, Impulse usw. ├╝bereinstimmen mit unserer Natur und dem Universum. Den Ma├čstab f├╝r Richtig und Falsch entnimmt die stoische Lehre der Natur.

Was es f├╝r uns noch bedeuten kann

Wenn Sie, geneigter Leser, bis hierhin noch nicht ausgestiegen sind, m├Âchte ich Ihnen gerne erl├Ąutern, was das zu bedeutet hat.

Das Anraten der Philosophen, man solle auf seine ├ťbereinstimmung mit der Natur acht haben, bedeutet dreierlei:

EINS.
Lebe in ├ťbereinstimmung mit der Allnatur,
das ist das Universum.

ZWEI.
Lebe in ├ťbereinstimmung mit der Natur des Menschen,
das ist die Art von Lebewesen,
die du bist.

DREI.
Lebe in ├ťbereinstimmung mit deiner individuellen
Natur, das ist dein pers├Ânliches Temperament.

Die erste Bedeutung erkl├Ąrt

In der ersten Bedeutung verbirgt sich ein Gedanke, der heute nicht mehr gedacht wird: Das Universum ist ein lebendiges Wesen. F├╝r die stoische Philosophie bedeutet in ├ťbereinstimmung mit der Allnatur zu leben, dass man sich in den lebendigen Kosmos freiwillig eingliedert. Praktisch bedeutet das, dass man will, was geschieht (Wolle, was geschieht!). In meinem Beitrag am 14. Mai 2021 (├ťber das Unverf├╝gbare) habe ich Chrysipps Lehrrede vom kosmischen Wagen erz├Ąhlt:

Stelle dir einen Hund vor, der an einen Wagen festgebunden ist, welcher von Ochsen gezogen wird. Wenn der Hund klug ist, l├Ąuft er freiwillig und vergn├╝gt mit; wenn er sich aber auf die Hinterbeine setzt und jault, wird er doch mitgeschleift. **

Auch wir Menschen sind an diesen Karren angebunden. Der Karren ist der Lauf der Dinge. Das Universum entwickelt sich in eine bestimmte Richtung. Die Laufrichtung des Karrens k├Ânnen wir nicht beeinflussen. Dumm ist der K├Âter, der sich in seinem Eigensinn und seiner Begierde weigert diesem Karren zu folgen. Er widersetzt sich den kosmischen B├Ąndern, mit denen wir an den Karren gebunden sind. Das Ergebnis ist, dass dieser K├Âter ungl├╝cklich lebt. Anstatt zu w├╝nschen, dass das geschehe, was geschieht, w├╝nscht dieser K├Âter sich, dass sich dir Natur seinen W├╝nschen unterordne. Dies ist die Weisheit: W├╝nsche, dass geschehe, was vorbestimmt ist. Der Kosmos ist umverf├╝gbar, versuche nicht ihn mit deinen W├╝nschen zu manipulieren. Dabei wirst du blo├č scheitern.

„Verlange nicht, da├č die Dinge gehen, wie du es w├╝nschest, sondern w├╝nsche sie so, wie sie gehen, und dein Leben wird ruhig dahin flie├čen.ÔÇť

Epiktet, Handb├╝chlein der Stoischen Moral, VIII ****

Der Philosoph Epiktet wird sich Jahrhunderte danach auf diese Weisheit beziehen. Er spricht von einem Fu├č, der auch mal durch den Schlamm gehen muss, um den K├Ârper nach Hause zu tragen. W├Ąre es nicht eine Dummheit, wenn der Fu├č sich beklagen w├╝rden dar├╝ber, dass er sich dreckig macht? Nein, weil der Fu├č wei├č, dass sein Werk dem h├Âheren Zweck dient, den K├Ârper nach Hause zu bef├Ârdern, macht der Fu├č auch das dreckige Gesch├Ąft gerne. So m├╝sse der Mensch leben: Wissen, dass er in seiner Kleinheit auch mal dreckiges und unerfreuliches machen muss, damit das Gr├Â├čere (die Allnatur) gedeiht. ÔÇô Wie gesagt: Diese Selbsterniedrigung unter ein vorbestimmtes Ziel des Kosmos, dieser Fatalismus des Hinnehmens von dem, was vom Kosmos vorgesehen ist usw. – dies ist der Teil der stoischen Lehre, der bei uns (zumindest bei den Menschen, die ich so kenne, und im allgemein im liberalen modernen aufgekl├Ąrten Abendland) kein Applaus mehr zusteht.

Die zweite Bedeutung erkl├Ąrt

Es ist von allen Wesen allein der Mensch, der seine Situation, seine Stellung zur Allnatur und seine Position in der Allnatur durchschauen kann. Die Stoiker thematisierten den Menschen so, wo nahezu jede Philosophie. Der Mensch ist innerhalb des gro├čen kosmischen Bands ein sehr spezieller Fall. „Im Menschen schl├Ągt die Natur ein Auge auf,“ sagten die Deutschen Romantiker. „Das Tier ist am Pflog der Gegenwart angeschlagen, der Mensch lebt in Zukunft,“ sagt Friedrich Nietzsche. „Der Mensch ist die Krone der Sch├Âpfung,“ sagt die j├╝dische Tradition.

Es ist ja unstrittig, dass wir Menschen andere Arten von Lebewesen kennen, die so sind wie wir. Wir kennen ├Ąhnliche Wesen, die Affen. Aber ich meine Wesen, die genau so sind wie wird.

├ťber Jahrhunderte war es unter philosophischen Logikern Sport die Einzigartigkeit des Menschen zu definieren. Dabei machte man Anwendung von der Definitionstechnik, die der Philosoph Aristoteles ins Leben rief: „Gib zur Definition die Gattung an, zu der das, was du definieren willst, geh├Ârt, und nenne die spezifische Differenz zu anderen Arten dieser Gattung.“ Ein Pudel ist z. B. ein Hund (Gattung) mit lockigem Haar. Das gelockte Haar ist die spezifische Differenz der Hundert Pudel, die alle Exemplare von Pudel gemeinsam haben, und die eben nur und ausschlie├člich Pudel habe.

Erkenne, was f├╝r eine Art von Lebewesen du bist, dann kannst du ein naturgem├Ą├čes Leben f├╝hren.

Beispiele f├╝r die Definition von Menschen sind lehrreich: Der Mensch ist das Lebewesen, das tanzt. (Interessant, aber durch tanzende V├Âgel widerlegt). Der Mensch ist das Lebewesen, das lacht. (Wieder die V├Âgel, genauer: Kr├Ąhenv├Âgel.) Der Mensch ist das Lebewesen, das sich seine Nahrung selber anbaut. (bisher unwiederlegt). usw.

Die letzte Definition kommt ├╝brigens aus der Tradition um Karl Marx. F├╝r die Stoiker jedenfalls war nicht nur Aristoteles‘ Methode der Definition verbindlich, sondern auch seine zwei Antworten: „Der Mensch ist das vernunftbegabte Lebewesen.“ (griechisch: „zoon logon echon,“ lateinisch: „animal rationale“) und „Der Mensch ist das politische Lebewesen.“ („zoon politicon“, „animal politicum“).

Beide Definitionen geben die Natur des Menschen an – damit sind wir beim Punkt.

Die Weisheitslehre: „Lebe in ├ťbereinstimmung mit der Art von Lebewesen, die du bist – mit deiner Natur.“ bedeutet das: Lebe als vern├╝nftiges und politisches Lebewesen. Denn das ist es, was wir sind.

Die Weisheitslehre der Stoiker sagt dementsprechend auch so etwas wie: Lebe ein bewusstes Leben. Ein Leben leben, das bewusst ist, bedeutet zu wissen wie und worin man lebt:
Wir leben in diesem Universum – in keinem anderen. Wir leben so, wie es uns unsere Natur zul├Ąsst: Wir sind Stoffwechselwesen, die sich durch Paarung vermehren und f├╝r gew├Âhnlich in gro├čen Gruppen leben. Zudem haben wir aufgrund unserer Natur endlose Handlungsm├Âglichkeiten; in keinen Lebensraum sind wir eingepasst. Allein die Rationalit├Ąt hilft uns dabei, ein Leben zu f├╝hren.

Lebe in ├ťbereinstimmung mit deiner Natur =

Lebe als vern├╝nftiges und politisches Lebewesen =

F├╝hre ein selbstgesteuertes und gemeinschaftsf├Ârderndes Leben

Vernunft zu haben, bedeutet immer auch sich selbst steuern zu k├Ânnen. Ein Leben zu leben, das ein vernunftgem├Ą├čes Leben ist, eines, welcher unserer Natur entspricht, bedeutet dann: Schaffe in dir eine Selbststeuerung.

Exkurs ├╝ber die Steuerung von Affekten

Die stoische Lebensphilosophie kommt in ihren zentralen Gedanken – wir nahezu all antike Lebensphilosophie – auf die Kontrolle der Affekte zu sprechen.

In der Philosophie verstehen wir unter einem Affekt eine heftige seelische Erregung. Manchmal wird dies auch Leidenschaft genannt. Im Englischen nennt man sie treffend passions; wer mal Latein hatte, der liest hier passio (leiden, etwas erleiden). Affekte als Passionen anzusprechen ist treffend, weil hier ihre parasit├Ąre Art angesprochen wird. In der Philosophie nennt man Leiden n├Ąmlich den Zustand der Passivit├Ąt gegen etwas, welcher uns einschr├Ąnkt. Wir leiden unter Affekten in dem Sinne, dass unser klares Denken in dem Moment abgestumpft und verdunkelt wird, wo wir uns im affektiven Zustand befinden. (Ein weiterer Fall von Missverst├Ąndnis zwischen philosophischer Fachsprache und normaler Sprache; leiden bedeutet nicht Schmerzen haben.)

Auch psychische Leiden kann man so auffassen. An Affekten leiden bedeutet dann, dass man sich ├╝ber die Affekte vergisst, dass die Affekte das Denken einschr├Ąnken, dass der Affekt das Denken blockiert, hemmt oder ├Ąhnliches.

Verbreitete Affekte sind ├ängste und Sorgen. Dazu geh├Âren: Zukunftssorgen, Verlust├Ąngste, Todesangst, Angst vor Strafe und Vertreibung. An diesen Beispielen kann man gut studieren, was die antiken Lebensphilosophen meinten, wenn sie den Affekt als etwas ansehen, an dem unser Verstand leidet. Angst und Sorge blockieren vom Moment des Auftretens an das klare Denken und st├Âren das innerliche Gleichgewicht. Sie beunruhigen den Menschen, weil sie bewirken, dass man nur in Angstphantasien lebt. In diesen Vorstellungssequenzen ragen vage Schatten des ├ängstigenden ├╝ber dem Gem├╝t. Das hemmt uns darin, Handlungsoptionen zu entwerfen. ├ängste hemmen uns Menschen in unserer Entfaltung und verschlie├čen den Weg zur Heiterkeit. 

Zu den Affekten z├Ąhlen nicht nur Sorge und Angst. Auch andere Gem├╝tslagen und seelische Erregungen ziehen unser klares Denken typischerweise in den Bann ziehen und wirken sich so negativ auf unsere seelische Gesundheit auswirken. Zu den bekanntesten z├Ąhlen ├╝berm├Ą├čiger Zorn, Bitterkeit, Groll, ├╝berw├Ąltigende Zust├Ąnde von Furcht, heftige Liebe, Eifersucht, Sehsucht, Neid oder ├╝bersteigerte Freude. 

F├╝r die stoische Schule ist klar: Affekten darf man sich zum Wohle der seelischen Gesundheit nicht hingeben. Ausnahmen machten sie f├╝r Liebe und Hingabe. Denn es entspr├Ąche unserer Natur in Gruppen zu leben. Liebe und Hingabe sind f├╝r das Gruppenleben dienliche Affekte, denen wir uns getrost ├╝berlassen d├╝rfen. Exkurs Ende. |

Die dritte Bedeutung erkl├Ąrt

Lebe in ├ťbereinstimmung mit deinem Temperament ist eine Erinnerung an die alte Weisheit: „Erkenne dich selbst.“

Mache dich vertraut mit deinem pers├Ânlichen Wesen.

In der antiken Welt unterschied man vier Typen von Temperament. Sie sind sehr sch├Ân in einer Geschichte erkl├Ąrt, in der jeder von ihnen einen Spaziergang machen soll und auf seinem Weg einen gro├čen Stein als Hindernis vorfindet. Der Sanguiniker springt lebhaft ├╝ber den Stein hinweg und wandert munter weiter. Der Choleriker ger├Ąt in Wut und Zorn, weil er sich wieder einmal bei seinen Pl├Ąnen gest├Ârt f├╝hlt. Er schleudert den Stein beiseite und hat f├╝r l├Ąngere Zeit seine gute Laune verloren. Der Melancholiker bleibt vor dem Stein stehen, und verf├Ąllt auf traurige Gedanken, die sich dahingehend verdichten, dass in seinem Leben noch niemals etwas reibungslos verlaufen ist. Er gibt sich der Tr├╝bsal hin und setzt sich bek├╝mmert an den Rand des Weges. Der Phlegmatiker fand schon zu Hause das Aufstehen und Weggehen m├╝hsam. Beim Anblick des Steines wird ihm alles zu viel. Er kehrt in seine Wohnung zur├╝ck, um sich wieder ins gem├╝tliche Bett zu legen.

Auch heute unterscheiden wir Pers├Ânlichkeitsz├╝ge, die wir durch Geburt mitbringen. Das Standard-Modell der Psychologie ist die Big-Five-Pers├Ânlichkeitsskala. Sie unterscheidet f├╝nf Dimensionen, die jeweils zwei Auspr├Ągungen (stark und schwach) haben (siehe das sch├Âne Schaubild, das die Redaktion von geo.de zum Thema in Auftrag gegeben hat; herzlichen Dank!).

Quelle: geo.de

Der lebenspraktische Rat der stoischen Philosophie lautet diesbez├╝glich: Mache Dich mit deinem Wesen vertraut. Denn dann wei├čt, du in welche Fallen du ger├Ątst, was deine Schwachstellen sind, was deine St├Ąrken sind, was du besonders gut kannst.

Der von mir sehr gesch├Ątzte Jordan Peterson hat eine online-Testversion des Pers├Ânlichkeitstests: Understandmyself. Es gibt sie nur auf Englisch. Es ist kostenpflichtig. Getestet wird deine Auspr├Ągung auf der Big-Five-Skala. Zudem erh├Ąltst du zu deinem Ergebnis Rat dar├╝ber, welche St├Ąrken Menschen mit deiner Pers├Âslichkeitsauspr├Ągung typischerweise haben und in welche Gefahren und Fallen sie typischerweise geraten. – Die Ruhr Universit├Ąt Bochum (RUB) und andere deutschsprachige Anbieter haben auch Portale zum Pers├Ânlichkeitstest; es gibt aber keine Ratschl├Ąge hinterher.

Chrysipp und die Stoiker der Antike jedenfalls wussten es auch: Erkenne dich selbst, erst dann kannst du dich beherrschen.

Zusammenfassung

In ├ťbereinstimmung leben mit der Natur hat drei Bedeutungen. Eins: Ordne dich ein in das, was geschieht. Zwei: Lebe ein ├╝berlegtes, vern├╝nftiges Leben und ein Leben, das die Gruppe, in der du lebst, nach vorne bringt. Drei: Erkenne deine Schw├Ąchen und St├Ąrken.

Die Bedeutungen zwei und drei sind noch heute sinnvolle Entw├╝rfe f├╝r eine ausgearbeitete Lebenskunst. Ein ├╝berlegtes Leben zu f├╝hren hei├čt eben auch: Kontrolle deine Affekte. Lass nicht zu, dass etwas anderes als deine Vernunft dich beherrscht.

______________________________________________

Anmerkungen:

** Quelle: Hans. von Arnim, Stoicorum veterum fragmenta, Bd. 2, 2. A., 1921, 975. Hippolytos, Refutatio omnium haeresium, I, 21d.

**** Das „Handb├╝chlein der stoischen Moral“ wird zitiert nach Zeno.org.

Kategorien
Allgemein

Selbstkontrolle als Balance zwischen Selbststeuerung und den Antrieben

In diesem Beitrag m├Âchte ich auf ein Lehrst├╝ck des Philosophen Platon zu sprechen kommen, das „Der Seelenwagen“ hei├čt. Um das einzuf├╝hren, beginne ich aber ganz woanders, und zwar beim Begr├╝nder der Psychoanalyse: Sigmund Freud. Bis auf ihre Genialit├Ąt haben beide, Platon und Freud, nicht viel gemeinsam. Ihrer beiden Ausf├╝hrungen ├╝ber die seelischen Regungen und die Selbstkontrolle sind erstaunlich realistisch und ├Ąhneln sich aber. Wir werden von beiden lernen, was es hei├čt, sich zu kontrollieren.

├ťber die Gedanken Sigmund Freuds

Lehrbuchartig erhalten hat sich von Freud ein modellhafte Konzeption der seelischen Erregung, welche in ihren Grundz├╝gen als Dreiteilung dargestellt wird:

├ťber-Ich | Ich | Es.

Dieses Modell verdeutlicht Instanzen, auf deren Wirken menschliches Verhalten zur├╝ckzuf├╝hren ist. Verhalten, das auf das ├ťber-Ich zur├╝ckzuf├╝hren ist, ist ein solches, das auf die Einhaltung sozialer Normen (auf Konformit├Ąt) bedacht ist. Das ├ťber-Ich verk├Ârpert das (verinnerlichte) Gewissen. Verhalten, das auf das Es zur├╝ckzuf├╝hren ist, das ist triebhaftes, un├╝berlegtes, impulsives Verhalten. Das Es verk├Ârpert das Lustprinzip. Verhalten, das auf das Ich zur├╝ckzuf├╝hren ist, ist ein solches, f├╝r das es Gr├╝nde gibt, ein Verhalten, das begr├╝ndet wird durch die Person. Das Ich verk├Ârpert die Rationalit├Ąt.

In uns, so Freud, gibt es tagein tagaus eine dynamische Anpassung zwischen diesen Instanzen: Wird die (anonyme) Stimme des Gewissens aktiv, so haben wir es mit der Auseinandersetzung von ├ťber-Ich und Ich zu tun:

├ťber-Ich <-|-> Ich | Es

Freuds Idee ist, dass diese Art der seelischen Dynamik der Grund f├╝r neurotische Gef├╝hle wie Angst oder Zweifel ist. Ein Beispiel: Ich begehre den Ehepartner meines besten Freundes. Ich f├╝hle also erotische Gedanken (Es), aber diese Gedanken darf ich nicht haben („sagt“ das ├ťber-Ich). Im Ich entsteht so ein Konflikt zwischen den Antrieben (Es) und den sozialen Normen (dem ├ťber-Ich). Dieser Fall sollte allein der Veranschaulichung des Modells dienen. Mit solchen Dynamiken wollen wir uns aber nicht weiter besch├Ąftigen.

Was ich mit Freud erkl├Ąren will – um es dann auch bei Platon zu zeigen – ist die Dynamik des Kampfes zwischen Rationalit├Ąt und Lustprinzip. Es ist Fr├╝hling. Viele Menschen streben nach einer Art von Di├Ąt, damit der Bauchspeck f├╝r das Sommer-Outfit verschwinde. Dieser bewusst gew├Ąhlte Wunsch bzw. dieser bewusste Vorsatz ger├Ąt aber leicht in Konflikt mit der verbreiteten Lust auf Zucker – konkreter: Schokolade. Dieser Fall ist im Modell Freuds:

├ťber Ich | Ich <-|-> Es

Wir k├Ânnen diesen Schokoladenwunsch, der dr├Ąngt, der das Bewusstsein belagert, verallgemeinern. Im ES als psychischer Instanz sind alle Arten des Begehrens und Dr├Ąngens zu Hause. Nicht von ungef├Ąhr spricht man hier von Trieb, Impuls, Begierde, Lust. Diese Neigungen streben jeweils nach Kontrolle. Sie w├╝rden sich auch ohne ├ťberlegung manifestieren. Das Ich und das ├ťber-Ich sind psychische Instanzen der Hemmung und der Kanalisierung dieser Triebe. Das ES selbst ist wie ein brodelnder Vulkan, der unterhalb der bewussten Kontrolle durch das Ich kocht. Ab und zu st├Â├čt ein Lavaschwall zur Oberfl├Ąche.

Die popul├Ąre Philosophie zu Sigmund Freuds Lebenszeiten war ein Rationalismus. Die reine Rationalit├Ąt sei imstande, alle seelischen Regungen zu kontrollieren. Das Ich ist frei und kann sich eigene Ziele setzen. Das Ich ist letztlich der Herr der Welt. Dazu ben├Âtige man Entbehrung, Kraftanstrengung und Wille. Sigmund Freud hat aber als Psychiater andere Erfahrungen gemacht. Er hat erblickt, dass das Ich mitunter von Affekten und Phantasien gest├Ârt wird; mitunter kann es sich sogar selbst aufl├Âsen. Das Ich ist nicht die alleinige bewegende Kraft in uns; menschliches Verhalten ist auch auf andere Kr├Ąfte bzw. die Kombination dieser seelischen Quellen zur├╝ckzuf├╝hren.

Seine Lehre von den multiplen Kr├Ąften im Menschen (Gewissen, Lustprinzip, Rationalit├Ąt) hat letztlich eine neue Epoche der Sicht auf den Menschen eingeleitet. Epochemachend fasste Freud es zusammen:

„Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“

Sigmund Freud

Dieser Gedanke richtet sich einerseits gegen den popul├Ąre Rationalismus; unser Verhalten hat auch irrationale Quellen. Anderseits ist dieser Gedanke auch eine Kampfansage an die hohe Philosophie des Deutschen Idealismus, nach welcher der Geist des Staates und der Kultur vom endlichen Bewusstsein getragen wird.

Freud richtet sich gegen die rationalistische und idealistische Auffassung, dass das wache Bewusstsein (welches Ich sagt) in jeder Minute seines Lebens der Herr ├╝ber den Leib und die Affekte ist. Tr├Ąumen, sagt Freud, ist eine vom Ich unkontrollierte T├Ątigkeit eines Seelenteils, welcher im Schlafzustand des Leibes die ├ťberhand nimmt. Ein anderes Gegenbeispiel ist der Mensch, dessen Leben durch das neurotische Gef├╝hl der Schuld eingeschr├Ąnkt wird. Hier nimmt das Gewissen die ├ťberhand.

├ťber die Rede von der Seele

Das Ich (die Rationalit├Ąt) ist ein Teil der Seele, ein Teil unter anderen. Selbstkontrolle ist die Steuerung durch das Ich. ├ťbernehmen die ├╝brigen Teile die Kontrolle ├╝ber das Handeln, je auf ihre spezifische Weise, so erleben wir das als Einschr├Ąnkung der Kontrolle oder gar als Fremdkontrolle. So sprechen wir davon, dass das Gewissen uns Grenzen setzt; dass das ├ťber-Ich uns kontrolliert h├Âren wir selten. Entsprechend reden wir davon, dass der Trieb ├ťberhand genommen hat; er hat das klare Bewusstsein ausgeschaltet. Wir kommen darauf zur├╝ck.

Dem geneigten Leser ist sicherlich aufgefallen, dass die Rede von der Seele hier etwas arglos benutzt wird, so als ob wir es f├╝r ausgemacht hielten damit eine reelle Gr├Â├če zu thematisieren. Als aufgekl├Ąrte und an den wissenschaftlichen Diskurs der Nachmoderne angeschlossene Menschen h├Âren wir diese Dissonanz sofort. In der Psychologie wird die Rede vom Ich und von der Seele deshalb auch nicht mehr gepflegt. Man erkl├Ąrt, das Fach besch├Ąftige sich mit dem menschlichen Verhalten und Erleben, sowohl subjektiv als auch unter Personen, und zwar ├╝ber die gesamte Lebenszeit hinweg. Ich und Seele sind Redeweisen, die von einer vor-wissenschaftlichen Besch├Ąftigung mit psychologischen Prozessen herr├╝hren.

Als Philosoph finde ich mich damit ab, dass der Fachbereich und das Wissensgebiet „Psychologie“ sich profiliert und absetzt gegen vermeintliche Missverst├Ąndnisse. In der Philosophie ist es nicht anders gewesen. Auch hier setze ich die Rede von der Seele ab gegen konfessionelle (religi├Âse) Auffassungen davon, was das bedeutet. Es sind eben die Fortschritte in der Philosophie ├╝ber die Jahrhunderte, die bewirkt haben, dass man dem Seelenglauben der Konfessionen mit Ablehnung begegnet.

Wenn ich aber philosophiere, dann rede ich wie selbstverst├Ąndlich von der Seele. Ich meine damit ein Chiffre **, das ist ein Wort, das hinweist auf etwas f├╝r unsere Existenz entscheidendes. Der Platz des Seelischen in der Welt ist die unabstreitbare Selbstbewegung beseelter K├Ârper und das subjektive Erleben (von sowohl innerlichen als auch ├Ąu├čerlichen Signalen) in der Perspektive der ersten Person. Die Seele lebt weiter, wenn ich schlafe. Das Ich ist in die Seele eingegliedert – als Software, so wie eine eine Aufmerksamkeit-App, die bewirkt, dass alle perzeptiven Informationen auf eine zentrale Instanz hin (Ich) angeordnet erfahren werden (Prinzip der Einheit unserer Erfahrung). Die Seele ist das Sammelwort f├╝r die Belebtheit und die Bewusstheit, f├╝r das Selbstgef├╝hl und das Innenleben. Seele umfasst Kognition (Gedanken, cognitio), Emotion (Gef├╝hle, emotio), Volition (Handlungsimpulse, Wille, volitio), Begehren (Trieb, Lust, libido), Vorstellung (Einbildung, Repr├Ąsentation, Imaginatio) und Erinnerung (mnemosyne).

Als Philosoph werde ich der Seele nicht die Realit├Ąt absprechen. Ich habe auch keine Furcht vor der Meinung anderer, die mich der Irrationalit├Ąt bezichtigen werden, weil ich ich ein Wort aus vorgegangener Zeit gebrauche. Ich vertrete damit ├╝berhaupt keine Theorie oder eine Religion. Ich mache mir nur deutlich, dass ein einzelner, beliebiger Mensch in Bezug auf seine Innerlichkeit allen anderen Menschen strukturell ├Ąhnlich ist. Es gibt ja nicht ein Ich und Milliarden andere Du. Wir sind alle ein Ich. So wie der Vollmond sich in tausend Wassern spiegelt, so ist eine Seele in allen von uns. Wir alle haben je f├╝r uns selbst Empfindungen, aber das Empfindung-Haben ist allen gleich. Wir alle haben je f├╝r uns Vorstellungen, aber die Vorstellungsf├Ąhigkeit ist allen gemeinsam. Und so f├╝r alle andere seelisch-geistigen Verm├Âgen. Wir sind alle von einer Art.

Antikes Verst├Ąndnis von Seele (Psyche)

Um nachzuvollziehen, was der Philosoph Platon unter der Seele (Psyche) versteht, m├Âchte ich das antike Verst├Ąndnis in Erinnerung bringen. Seele ist das Prinzip der Eigen- oder Selbstbewegung. Alles in der Welt ist in Bewegung – so beobachteten „die alten Griechen.“ Einige Dinge bewegen sich von selbst, andere werden von anderen Dingen bewegt. Die, die sich nur bewegen, wenn sie angesto├čen werden, finden irgendwann einen Ort der Ruhe. Dinge, die sich selbst bewegen, sind beseelte Dinge.

Seele wird nicht weiter erkl├Ąrt als etwas unstoffliches, als warmer Hauch oder Lebenskraft. Als beseelt gilt, was lebt. Pflanzen, Tiere, Menschen sind daher beseelt. In den Pflanzen ist es das Wachstum, in den Tieren die Bewegung von Ort zu Ort. Menschen haben eine spezielle Seele, eine solche, die pflanzliches und tierisches mit dem spezifisch menschlichen ÔÇô dem Verst├Ąndigen in uns ÔÇô vereint.

Warum setzten sich Tiere in Bewegung? Was bewirkt, dass ein Tier seine Knochen, Sehnen und Muskeln so einsetzt, um von Ort A nach Ort B zu kommen? Warum l├Ąuft das Huhn ├╝ber die Stra├če? – Das Huhn l├Ąuft ├╝ber die Stra├če, weil es denkt, es sei eine gute Idee. Schon H├╝hner haben so etwas wir Phantasie, Vorstellungskraft – es ’sieht‘ auf der anderen Stra├čenseite einen Anrei├č, deshalb l├Ąuft es los. Das ist das Seelische im Huhn.

Wir erfahren wir Menschen Seelisches? Wir erfahren es 1.) als die Grundstimmung in der wir uns befinden. Von gereizt bis ausgelassen, von depressiv bis manisch; Grundstimmungen sind der emotive Grundbass unserer Existenz. 2.) Seelisches ist der innere Antrieb, den wir versp├╝ren. Es ist die Vitalit├Ąt, die uns Pl├Ąne angehen l├Ąsst, der Eifer, den wir versp├╝ren, das Aktivit├Ątslevel. Es ist hier auch zu nennen: das Begehren nach Nahrung, die Geilheit, die Lust, die Triebe. 3.) Seelisches Erfahren wir als Lebenskraft; als die Gesundheit, die den ganzen Leib durchstr├Âmt. 4.) Wir erfahren Seelisches als die Gem├╝tslage, die wir haben. Das ist ganz stark schon im Aspekt 1 enthalten. Die Grundstimmung kann sich ├╝ber Monate ausdehnen. Die Gem├╝tslage ist zeitlich noch st├Ąrker ausgedehnt. Langm├╝tig, Frohm├╝tig, Langm├╝tig sind Gem├╝tszust├Ąnde, die in den Charakter eines Menschen eingegangen sind. 5.) Wir erfahren Seelisches, als das, was lebt, auch wenn wir schlafen.

Das platonische Gleichnis vom Seelenwagen

Platon verdeutlicht die Struktur der Seele – Die Antriebskr├Ąfte und die Zentralsteuerung – in Form eines Gleichnisses.**** Man muss wissen, dass Platon ein Schriftsteller-Philosoph ist, dessen Genialit├Ąt durch seine Textkomposition, Metaphorik und Wortwahl durchscheint. Die Seele des Menschen, sagt er, gleich einem Gespann mit zwei R├Âssern. Das eine Ross ist das Pferd des Eifers (griechisch: thymoeides), das andere das Pferd der Begierde (griechisch: epithymetikon). Gelenkt wird das Gespann von der Vernunft (griechisch: logistikon).

| Exkurs: Im Internet hat es sich ergeben, dass man stets diese Zeichnung zeigt, welche dem DTV-Atlas Philosophie entnommen ist.

Quelle: DTV-Atlas Philosophie

Die Zeichnung ist noch begleitet von einer falschen Benennung der Pferde. Es hei├čt im DTV-Atlas, dass das eine Ross das Pferd des Mutes sei. Das ist aber irref├╝hrend, weil nicht der Mut als Tugend, sondern das Gem├╝t als Seelenteil gemeint ist. Exkurs ENDE |

In meinem Platon-Video, das ich f├╝r Sch├╝ler gemacht habe, spreche ich ab Minute 18:05 von diesem Gleichnis. Die beiden R├Âsser vertreten zwei Arten von Impulsen. Der Impuls des Eifers macht uns mitunter rasend, wir streiten dann f├╝r die gute Sache, unsere Seele brennt dann f├╝r eine Sache. Der Impuls des Begehrens macht uns strebend, wir wollen dann leidenschaftlich. Die beiden Impulsarten – das ist die weitere Idee – schr├Ąnken unser klares Denken ein. Der Eifer versetzt uns in ├╝berwertiges Denken, eine Idee setzt sich in den Vordergrund unseres Denkens. Die Begierde l├Ąsst uns alles Ma├č vergessen. Der Lenker ist die Rationalit├Ąt, die Klugheit, die Vernunft. Sie kann die Pferde z├╝geln und ├╝berblickt die Strecke, die der Wagen f├Ąhrt. Es ist klug, Begierde und Eifer f├╝r sich so arbeiten zu lassen, dass sie uns unsere Ziele erreichen lassen. Unklug ist die Z├╝gellosigkeit.

Ich pers├Ânlich sch├Ątze dieses Gleichnis wie kein anderes. Das liegt vielleicht daran, dass ich Eifer und Begierde in mir gut auseinander halten kann und wei├č, was passiert, wenn ich ihnen z├╝gellose Kontrolle ├╝ber die Wegstrecke erlaube. Ich erfahre aber immer wieder, dass andere dieses Gleichnis schwerg├Ąngig auffassen.

Platon erkl├Ąrt hier die Selbstbewegung der Seele. Die beiden Antriebe in uns, sagt er, sind grunds├Ątzlich Eifer und Begierde. In moderner Sprache gesprochen: St├Ârungen des Antriebs hat der, dessen Begierden und dessen Eifer krank sind. Die Vernunft, welche zwar ein Seelenteil ist, kann aus sich heraus keine Antriebe setzen.

Zur Begierde. ├ähnlich formuliert finden wir diesen Gedanken bei David Humes ber├╝hmten Aphorismus: „Der Wunsch ist Vater des Gedankens.“ Soll hei├čen: Erst kommt die Begierde nach Essen (Hunger), dann kommt der Plan, essen zu beschaffen (Rationalit├Ąt). Die Begierden machen uns strebend, sie machen uns aktiv, sie machen, dass wir in die Welt gehen. Wenn wir begehren, wollen wir die Sachen in der Welt verzehren. Das Objekt der Begierde l├Ąsst uns es nachjagen, es lockt uns. Unser Denken ist dann auf das Objekt fixiert. Die Begierde beherrscht uns ganz, unser Denken, unser ├ťberlegen und Planen. Das gilt f├╝r die Begierde des Hungers ebenso wie f├╝r die Begierde der Geilheit. Platon spricht hier von Impulsen und warnt davor, dass wir die Kontrolle verlieren. In moderner Sprache: Impulskontrollst├Ârungen sind Krankheiten der Seele.

Zum Eifer. Auch der Eifer ist ein Antrieb in uns. Eifer – dieses Wort kennen viele nicht. Sich ereifern f├╝r etwas – das kennt man noch. Im Eifer des Gefechts – das ist eine Redensart. Und tats├Ąchlich meint Platon jene gesegnete Wut, die uns rasend macht. Er meint den Aggressionstrieb in uns, den wir haben, wenn wir uns f├╝r etwas einsetzen. Man m├Ąnnlichen Politikern w├Ąhr hat m├Ąnnlichen Politiker, die auf einer B├╝hne stehen und sich ein wichtiges Wortgefecht liefern, Messger├Ąte an die Haut geklebt, um ihre Muskelspannung zu messen. W├Ąhrend des Gefechts waren die Muskelgruppen aktiv, die sonst zum starken Schlag ausholen. Die Kultur und die Zivilit├Ąt der Politiker macht, dass sie sich nicht schlagen; unser Eifer aber aktiviert trotzdem die Muskeln, die wir br├Ąuchten. Platon meint auch das Gef├╝hl des Soldaten im Feld, der sich hergibt f├╝r den Kampf. Er meint mit Eifer zudem jenes Z├╝rnen ├╝ber die Welt, die wir im Kampf der Gerechten f├╝r eine bessere Welt beobachten. Den Eifer der politischen Aktivisten, die man bei den Social Justice Worrier, oder den Black Live Matter, oder den Me Too-Aktivisten sehen kann, sind die besten Beispiele.

Platons Genialit├Ąt zeigt sich auch darin, dass er mit dieser leicht einpr├Ągsamen Analyse der Seele gleichzeitig zwei Lebensklugheiten verbindet. Zum einen: Nutze deine Antriebe. Zum anderen: Halte deine Antriebe im Zaum.

Halte deine Antriebe im Zaum. Die Klugheit, die Platon anf├╝hrt betrifft die Grenze, welche man nicht ├╝berschreiten sollte. Begierde und Eifer m├╝ssen genutzt werden, sonst verk├╝mmern sie. Blo├č bedenken sollte man dabei die Gefahren. Die Gefahren der Begierde liegen im ├ťberma├č. Zu viel Essen (Esssucht) ist ungesund, zu viel Sex ermattet. Die Lust will dann stets gesteigert werden. Das Lustprinzip in uns fordert stets mehr. Die Gefahren des Eifers bestehen in der ├ťberwertigkeit. Das Eifern l├Ąsst uns unsere Pflichten vergessen. Wir werden ├╝ber den Eifer ungerecht.

Nutze deine Antriebe. Bedenke, Eifer und Begierde sind deine einzigen Antriebe. L├Ąsst du sie verk├╝mmern, dann f├╝hrst du vielleicht eine rationale, aber keine vollkommene Existenz.
Seinen Eifer kultiviert man mit Wertsch├Ątzung. Seine Begierden kultiviert man mit ma├čvollem Genuss.

Steuerung durch Balance

Die Selbstkultivierung der Antriebskr├Ąfte Eifer und Begierde ist ein bedeutendes Thema der Tugendethik. Selbstteuerung gelingt durch den ├╝berlegten Einsatz des Eifers und den ├╝berlegten Genuss der Sinne und der klugen Auswahl unter den Trieben und Impulsen. Platon ist ein Philosoph der Harmonie. So wie der Kosmos in einer Harmonie steht, sollte auch die Seele ihre Teile in eine Harmonie bringen. Charakterbildung, so wie wir sie verstehen, ist die Herstellung von Balance zwischen Eifer, Begierde und Vernunft.

_________________________________________________

Anmerkungen:

** Das Wort „Chiffre“ benutze ich hier im Sinne von Karl Jaspers.

**** Gemeint ist die Stelle in Platons Phaidros (253c ff.). In der Poiteia beschreibt Platon die Drei-Struktur der Seele mit einem anderen Gleichnis, und zwar dem Gleichnis des Seelentieres. Siehe dazu online: Hans G. M├╝sse, Platons Seelenlehre.

Kategorien
Allgemein

├ťber den Wert der Selbstkontrolle

Zur Erinnerung: Der Philosoph Epiktet m├Âchte uns mit der ├ťbung der Dichotomie der Kontrolle einpr├Ągen, dass wir an unsere Meinungen, Wertsch├Ątzungen, das Handeln-Wollen, unsere Impulse, unser Begehren und Herbei-W├╝nschen und unser Vermeiden prinzipiell unter Kontrolle haben. In Kontrast steht dies zur Unverf├╝gbakeit der Prozesse und der Ereignisse, die sich selbst-organisierend ├╝ber unseren Kopf hinweg in der Welt vollziehen. Unersch├╝tterlich ist jemand, der dieses Vollziehen anerkennt ohne darin eingreifen zu wollen. Mutig ist der, der in sich selbst einen Wandel herbeif├╝hrt. Weise wird, wer das eine vom anderen unterscheiden kann. (Die letzten Beitr├Ąge im Blog handelten hiervon.)

Kontrolle ├╝ber uns. Das ist es, was ein gebildeter Mensch erzielen muss. Zur Erinnerung: Bildung hei├čt hier nicht B├╝cherwissen, nicht Kompetenzen f├╝r den Arbeitsmarkt, sondern: Aus dem Grundstoff seiner Natur etwas geformt haben, mittels Streben, Anstrengung, ├ťbung. So wie man aus Ton ein Gef├Ą├č bildet, so bildet sich der Mensch aus.

Kontrolle ├╝ber sich haben, das war ├╝ber sehr lange Zeit ein Wert an sich. Studieren wir die antiken Lebensphilosophien und die Techniken der Seelenf├╝hrung, die diesen antike Techniken im christlichen Abendland aufgenommen und bewahrt haben, so sehen wir das Ziel der ├ťbung im Ersteben eines Gem├╝tszustands. Dieser Gem├╝tszustand wird als Gem├╝tsruhe (Plutarch), Gelassenheit, Unersch├╝tterlichkeit, Gleichmut (tranquilitas, Seneca) oder griechisch: Ataraxie, Galene/Meeresruhe (Epikur) bezeichnet. Dieser Zustand ist aber immer die Folge von ├ťbungen in Selbstkontrolle. Ich meine: Wir verstehen die alten Weisheitslehren besser, wenn wir bei der Selbstkontrolle ansetzen.

Im letzten Beitrag (vom 17.5.) habe ich die Beobachtung Sloterdijks wiederholt, dass Selbstkontrolle heutzutage von Au├čenkontrolle ├╝bernommen wird. Anstatt selbstt├Ątig an den Schlaf zu denken – Schlaff-Apps, anstatt ins sich Ruhe einkehren zu lassen – Entspannungs-Audio, anstatt ├╝ber die Zubereitung von Speisen zu sinnen – Fertiggerichte aller Art, von Au├čen – aus dem Kalender, dem Smartphone, dem Computer, von den Autorit├Ąten, vom Markt diktiert, von der Politik beschlossen usf. – von Au├čen lassen wir uns steuern. Sloterdijk geht soweit, dass er sagt (sinngem├Ą├č): ‚Warum reden wir heute nicht mehr ├╝ber Tugend? Weil man den Menschen Tugend nicht mehr zutraut. In moralischen Sachen reden alle nur noch ├╝ber Werte. Etwa seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Werte haben die Tugenden ersetzt.‘ Nun sind Werte aber auch ein ├äu├čeres, Tugenden indes sind verinnerlichte Werte. Traut man den Menschen keine Tugenden zu, dann werden die Werte, denen zu folgen ist, beliebig.

Eigensteuerung bedarf eines Zentrums, einer starken Pers├Ânlichkeit. Im Anschluss an den Arzt und Schriftsteller Joachim Bauer verstehe ich unter Selbststeuerung ‚das im Dienste umfassender Selbstf├╝rsorge stehende Bem├╝hen um eine Balance zwischen Selbstkontrolle und angemessener Ber├╝cksichtigung der Triebw├╝nsche‘ [Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, Blessing-Verlag, 3. Aufl., 2015.] Sich selbst steuern k├Ânnen ist Teil der Selbstf├╝rsorge deshalb, weil dies unserem Lebensgl├╝ck und unserer seelischen Gesundheit dienlich ist. Es einzu├╝ben l├Ąsst entdecken, dass wir selbst einen Wandel herbeif├╝hren k├Ânnen, es l├Ąsst uns Verantwortung f├╝r uns zur├╝ckgewinnen und schafft einen gesunden Blick auf die Zukunft (kein schlechtes Zukunftsdenken mehr!).

Im n├Ąchsten Beitrag werde ich die Selbstkontrolle vertiefen. Ich m├Âchte zusammenfassen, dass diese F├Ąhigkeit im Zentrum aller Charakterbildung steht. Jede Tugendethik, welche den Prozess der Ausbildung, die ├ťbung und die Hemmungen auf dem Weg zur Tugend thematisiert, wird mit der Selbststeuerung konfrontiert. Das Philosophieren dar├╝ber f├╝hrt uns auf unsere ganz eigene Existenz zur├╝ck und l├Ąsst uns erahnen, wozu wir f├Ąhig sind.

Kategorien
Allgemein

├ťber die Absch├Ątzung und den Wert von Tugend

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich meine, eines der besten Sachen, die ein Mensch im Leben machen kann, ist, seinen Charakter selbst zu bilden. Daf├╝r muss er sich anstrengen, am Ball bleiben und Tugend anstreben. Tugend kann man aber nicht als Individualist anstreben; sie macht dich nicht einzigartig. Die Tugenden werden geehrt in B├╝chern, sie sind wegen ihres Werts eingegangen in Moralkodizes, sie waren Fundamente der Moralerziehung. Mit anderen Worten: Tugenden sind traditionell. Sie gelten in bestimmten Kreisen deshalb wenig. Der Erwerb von Tugend wird allzuschnell mit Z├╝chtigung, Abt├Âtung, Selbstzerknirschung, Rigorismus assoziiert. Schon der Klang des Wortes l├Âst Irritation aus. Oft sto├če ich deshalb auf verschlossene T├╝ren, wenn ich f├╝r den Wert von Tugendentwicklung einstehe.

├ťBER DIE ABSCH├äTZIGKEIT

Es ist eigenartig, denn schlie├člich blickt die Tugendethik auf 2500 Jahre Tradition zur├╝ck. Sie geh├Ârt zur Erbmasse der Ethik; sie verstaubt aber zusehends. Dass sie gerechtfertigterweise mit einem Schlage – vom Blick der Menschheitsgeschichte aus betrachtet – aus dem Bereich der sinnvollen und effektiven Kulturtechniken verbannt sein sollte, erscheint mir aber ausgeschlossen.

Man muss sich aber dem Sachverhalt stellen, dass Tugendethik unzeitgem├Ą├č ist. Sie passt nicht in die stark verbreitete Kultur des Genie├čens, der Erlaubnis und des Eigensinns. Im Beitrag vom 3. Mai („Tugend traut man den Menschen nicht mehr zu“) wurde dieser Umstand vertieft mit Sloterdijks Beobachtung, dass der Trend in unserer Kultur zur Au├čensteuerung geht. Tugendethik ist aber – von Sokrates an – eine Technik der Selbstkontrolle, eine Selbststeuerung. Warum dieser Epochenwechsel von Innensteuerung zu Au├čensteuerung? Warum diese stillschweigende ├ťbereinkunft unter den Menschen, dass Tugend schlecht sei? Woher der Trend in den Agenturen (Schulen, Familien, Fernsehen, Pop-Kultur-Industrie), die sich erm├Ąchtigen, die kulturelle und sittliche Interpretionshoheit zu nehmen? Sind die P├Ądagogen dran Schuld? Ist es ein Ausfluss des prole-drifts (der Proleten-Werdung)?

Ich meine, die Abtretung dieses Erbes, die starke Abneigung gegen diese Tradition hat etwas mit der kulturgeschichtlichen Pr├Ągung zu tun, die sich in den letzten 70 Jahren abgespielt hat. Irgendwo in diesem Zeitraum wird die Antwort liegen. Ich will aber nicht gleich alles auf die 1968er schieben. Schon davor hat der Wandel stattgefunden. Und so gewichtig, wie es die noch Lebenden 68er es gerne verkaufen, waren die Ereignisse nicht. Es hat auch etwas damit zu tun, dass die s├Ąkulare Massenkultur aus den USA nach der Befreiung weite Teile der Kulturdeutungsmaschine ├╝bernahm: Publikationen, Rundfunk, Lehrst├╝hle, Pop-Kultur. Man darf nicht vergessen, dass die Pop-Kultur aus den USA (welche dort selbst nicht die einzige ist), sich aus der kontinentalen Kultur entwickelte. Durch diese Verwandtschaft k├Ânnte es bewirkt worden sein, dass ein drastischer Wechsel in der deutschen und mitteleurop├Ąischen Kultur bewirkt wurde. Das alles ist nur ├Âffentliche Mutma├čung, sozusagen Spekulieren vor Publikum. Jedenfalls ist es Fakt, dass der Argwohn gegen die Tugendethik existiert. Probieren Sie es selbst: Reden Sie mit Bekannten und Fremden ├╝ber Tugend und beobachten Sie die Reaktion. Und arbeiten Sie mit an der Beantwortung der Frage!

├ťBER DEN WERT

Die Philosophie der Tugendethik – jedenfalls die der Stoiker – kann man etwa so zusammenfassen: Kultiviert man diese Selbststeuerung, dann gewinnt man Kontrolle ├╝ber seine Affekte. -> Die Kontrolle ├╝ber die Affekte bringt Gelassenheit. -> Gelassenheit bringt Entscheidungsf├Ąhigkeit und Selbstm├Ąchtigkeit. -> Entscheidungsf├Ąhige und Selbstm├Ąchtige Menschen stehen mit beiden Beinen auf der Erde.

F├╝r die antiken Tugendethiken stand nicht das Gute Benehmen als Endziel ihrer Tugendlehre (ich greife hier ein Vorurteil auf), sondern das Gute Leben. Sie entwickelten dazu Techniken der Lebenskunst und der Charakterbildung, welche m├Âglichst situationsinvariant waren, d. h. m├Âglichst auf jede Situation im Leben passen. Selbstkontrolle als Zentralthema der Tugendethik ist in diesem Sinne eine w├╝nschenswerte Eigenschaft; verwirklichen wir sie in unserem Charakter, dann sind wir f├╝r jeden Weg im Leben gewappnet.

Diese Philosophie teile ich. Das macht mich zwar unzeitgem├Ą├č. Aber ich wei├č aus den alten B├╝cher, dass Menschen sich mit ihren Urteilen ├╝ber die Zeitgem├Ą├čheit irren, weshalb ich mir darum keine Sorgen mache.

Kategorien
Allgemein

Ruhig und festen Schrittes durchs Leben schreiten

Cusanus, ein katholischer Renaissance-Philosoph, beschreibt in seinem Dialog „Der Laie ├╝ber den Geist“ den Philosophen, welcher einer der Hauptfiguren in diesem Text sind, dass er ‚festen Schrittes‘ geht und dennoch nicht tr├Ąge wirkt. Diese Kleinigkeit im Gebaren meine ich macht schon einen Unterschied. So ├Ąhnlich wie man an der brechenden Stimme Nervosit├Ąt erkennt oder am Zittern die Aufgeregtheit, so erkennt man den Gem├╝tszustand einer Person am Gang. Jemand der festen Schrittes geht, der steht mit beiden Beinen ganz in der Welt, der wei├č um die Erdschwere der Wirklichkeit, der ist sich auch der Gr├Â├če des Kosmos gewahr. Wer festen Schrittes voran geht, der ist achtsam. Er hat seinen Gang in Kontrolle, weil er sich selbst unter Kontrolle hat. Wom├Âglich steht er hinter dem, was er denkt.

Ferner meine ich, dass Menschen, die festen Schrittes auftreten, sich ├╝ber ihre Verbundenheit mit dem Kosmos eins wissen. Da sie ihren Leib offenbar kontrollieren k├Ânnen, kennen sie ihn, und damit auch die Endlichkeit seiner Kr├Ąfte. Sie kennen ebenso die H├Ąrte der Welt, an die sie durch den festen Bodenkontakt erinnert werden.

Der letzte Beitrag endete mit den Worten, dass wir an uns selbst arbeiten sollen, damit wir mit beiden Beinen in der Welt stehen. Was bedeutet das? Was macht die Selbstsicherheit eines Menschen aus, der nach stoischer Manier schreitet?

Epiktet lehrt uns, dass wir das, was aus uns entsteht, in Bahnen bringen k├Ânnen: Pers├Ânliche Geschmacksurteile k├Ânnen abge├Ąndert werden; Handlungsimpulse k├Ânnen gesteuert werden; das Besitzstreben kann gelenkt und gez├╝gelt werden; und Vermeidungsverhalten kann aufgel├Âst werden. Charakterbildung findet hier statt. Indem wir unsere Geschmacksurteile (Meinungen), Handlungsimpulse (unser Trachten), Besitzstreben (Habsucht) und unser Vermeidungsverhalten (Bequemlichkeit) eine Bahn geben, erwerben wir Kontrolle dar├╝ber. Aus fortw├Ąhrender Kontrolle entsteht eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit ein Charakterzug.

An anderer Stelle des Blogs (in den Eintragungen am 2. Mai und 3. Mai 2021) habe ich Tugend und Charakter auf dieselbe Weise erkl├Ąrt. Tugend ist der feste Vorsatz, der zur Charaktereigenschaft geworden ist. Damit ein Vorsatz gesetzt wird, muss aus eigener Wahl eine pers├Ânliches Ziel (die Tugend, die man erwerben m├Âchte) anvisiert werden. Dieses Ziel kann von nun an anvisiert werden im t├Ąglichen Entscheiden und Ausw├Ąhlen.

Eines der hohen Ziele, die ein Stoiker verfolgt, ist es, die Kontrolle ├╝ber seine seelischen Erregungen (Affekte) zu haben. „Affekt“ als philosophisches Fachwort bezeichnet seelische Erregungen und Gem├╝tslagen wie Sorge und Angst, aber auch Zorn, Bitterkeit, Groll, ├╝berw├Ąltigende Zust├Ąnde von Furcht, heftige Liebe, Eifersucht, Sehsucht, Neid oder ├╝bersteigerte Freude. Affekt bedeutet w├Ârtlich so etwas wie „von etwas anger├╝hrt werden, betroffen werden sein von etwas“. Dahinter steckt eindeutig die Entdeckung, dass der Affekt aus einem Teil unseres Wesen entsteht, der nicht das denkende Bewusstsein ist. Affekte scheinen aus dem dunklen Grund der Seele aufzusteigen. Was sie dann typischerweise bewirken ist: Sie hemmen uns und sie schr├Ąnken das klare, gesunde Denken ein. Diese Hemmung des Bewusstseins durch Affekte – das erkennen die Stoiker als ein gro├čes ├ťbel an. Sie empfehlen, dass man gegen dieses ├ťbel vorgeht, indem man das Aufsteigen der Affekte kontrolliert, um so das klare Denken zu bewahren. Das Stichwort, welches in diesem Zusammenhang zu nennen ist, ist die sprichw├Ârtliche Stoische Ruhe.

Die Ruhe des Gem├╝ts, das die Stoiker empfehlen ist ein konstanter Zustand der Affektlosigkeit, der auch nicht durch pl├Âtzliche Ereignisse gest├Ârt wird. Es geht darum, sich von seinen Affekten zu distanzieren, sie zu betrachten und anzuerkennen lernen, aber Abstand davon zu halten, sich an sie zu verlieren. Die Stoiker wissen, das Aufsteigen des Affektes ist nicht zu verhindern – das ist eine ganz und gar nat├╝rliche Sache: Naturgesetzlich entstehen in uns (S├Ąugetieren) affektive Reaktionen auf ├Ąu├čerliche Ereignisse oder auf innerliche Vorstellungsbilder. Die stoische Ein├╝bung der Ruhe beginnt in dem Moment, wo der Affekt aufsteigt. Wenn er aufsteigt, dann k├Ânnen wir sagen: „Hallo Zorn!“ oder „Ich werde zornig.“ – falls uns das gelingt, haben wir schon fast gewonnen. Denn der gr├Â├čte Feind der Affekte das selbstkontrollierte Betrachten. Affekte gewinnen nur dann Besitz an unserem Denken, wenn wir uns in sie hineinfallen lassen. Beobachten wir sie aber mit dem klaren Verstand, dann sinken sie wieder ab dahin wo sie hingekommen sind und ihre Intensit├Ąt l├Ąsst nach.

Seit jeher wird sich eine Geschichte erz├Ąhlt, die sich auf offener See zugespielt haben soll. Das Schiff ist mitsamt seines ber├╝hmten Passagiers, eines ehrenwerten stoischen Lehrers, in den heftigsten Sturm des Jahres geraten. Alle Insassen erlebten Stunden der Angst, mehrmals drohte der Kahn zu kentern. Nachdem – Zeus sei’s gedankt – die Flaute kam und sich die Lage beruhigte, trat der Kapit├Ąn an den Stoiker heran. „Ich wundere mich,“ sagte er, „Sie sind so leichenblass wie alle anderen und ich habe Sie schlottern sehen.“ – „Ja.“, best├Ątigte der Stoiker. „Und doch sind sie ein stoischer Lehrer. Ich dachte, sie erleben keine Angst.“ „Das ist richtig, ich verpflichte mich der stoischen Lehre. Diese besagt, dass es nat├╝rliche Affekte gibt, deren Entstehen wir nicht verhindern k├Ânnen. Das einzige, was in unserer Kontrolle liegt, ist es, diese Affekte nicht Oberhand gewinnen zu lassen.“

Durch die Jahrhunderte ist die Ruhe des Gem├╝ts, welche als eine stoische Gro├čtugend gilt, verschiedentlich benannt worden. So hei├čt mal „Unersch├╝tterlichkeit,“ oder „Unerschrockenheit“ oder „Affektlosigkeit.“ Einen einpr├Ągsamen Namen hat der r├Âmische Philosoph Seneca gefunden: Er nennt sie Gleichmut oder Gleichgewicht der Seele (tranquilitas Anima). Auch englisch und italienisch hat sie den Namen „serenity“ bzw. „serenita.“ Das deutsche Wort – Gelassenheit – passt nicht ganz. [Mit Kollegen Becker habe ich in der Podcast-Folge dar├╝ber geredet: https://www.youtube.com/watch?v=7vwAytU7ACg.] Dazu werde ich in einem separaten Beitrag schreiben.

Gem├╝tsruhe ist die Art mit beiden Beinen in der Welt zu stehen, die die Stoiker am meisten achten. Gem├╝tsruhe ist der Charakterzug, der im Stoizismus am meisten dem Ideal eines weisen Menschen (in chauvinistischer Vorzeit: dem weisen Mann) entsprach und ihm anstand. Festen Schrittes zu schreiten, kontrolliert zu sein, daf├╝r muss man das seelische Gleichgewicht halten, die Affekte beobachten lernen und einen Umgang damit ein├╝ben. Charakterbildung ist so ein Umgehen-Lernen mit den Affekten. Selbstkontrolle ist auch Affektkontrolle.

Kategorien
Allgemein

├ťber das, wor├╝ber wir Kontrolle haben

Epiktets Dichotomie der Kontrolle will gelebt werden. In vorherigen Beitr├Ągen des Blogs wurde herausgestellt, dass sich das Ein├╝ben dieser Einsicht in zwei Pfade teilt: Der erste Pfad f├╝hrt auf das Feld des Unverf├╝gbaren hin. Der zweite l├Ąsst die Begegnung mit dem Verf├╝gbaren zu. Was ist verf├╝gbar? Im Handb├╝chlein** hei├čt es:

In unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille: kurz: Alles, was unser eigenes Werk ist.

Epiktet, Handb├╝chlein der Stoischen Moral, I.

Der geneigte Leser mache sich klar, dass der schnelle Blick auf das knapp 2000j├Ąhrige Textzeugnis leider nicht gen├╝gt, um den Sinn aufzufassen. Die Sprache der ├ťbersetzung, die deutschen W├Ârter sind ja selbst noch erl├Ąuterungsbed├╝rftig. Deshalb soll es der Reihe nach gehen.

1. Behauptung: Unsere Meinung ist unser Werk, sie ist in unserer Gewalt. In einem anderen Beitrag wurde bereits die Entklammerung von Meinung und Realit├Ąt als ├ťbung erl├Ąutert. Mit Meinung bezeichnet Epiktet den mentalen Zugriff auf die Realit├Ąt. Eine Meinung ist ein Annehmen und Auffassen. Wir sagen dann: Ich glaube dies oder das, oder ich halte dies oder das f├╝r richtig oder falsch. – ├ťberzeugte Skeptiker geben ein gutes Beispiel f├╝r Menschen, die gelernt haben, ihre Meinungen zu kontrollieren. Die Grundhaltung des Skeptikers ist zun├Ąchst: Enthaltung. Ich enthalte mich der Meinung bedeutet so viel wie: ich k├Ânnte zwar losschie├čen und allerlei pers├Ânliche Ansichten, Annahmen und Wertsch├Ątzungen ├╝ber dies oder das aussprechen, aber ich unterstehe mich. Diese Hemmung dagegen, sofort eine Meinung abzugeben, das Sich-Zur├╝ckhalten, hierin sind wir frei. „H├Ąttest du geschwiegen, w├Ąrst du Philosoph geblieben.“ und „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ nennen als Redewendungen dieses willentliche Zur├╝ckhalten.

2. Behauptung: Unser Trieb ist unser Werk, er ist in unserer Gewalt. Der geneigte Lese m├Âge das Wort „Trieb“ hier nicht w├Ârtlich nehmen. Ein Trieb wie der ├ťberlebenstrieb oder der Geschlechtstrieb sind gewaltige blinde Kr├Ąfte, die Ausbrechen k├Ânnen wie ein Vulkan; auch sie k├Ânnen kontrolliert werden. Aber: Das ist nicht das, was Epiktet meint. Erstens, Epiktet kennt nat├╝rlich nicht die Psychoanalyse. Sigmund Freuds Werk hat das Wort „Trieb“ unserer Sprache wesentlich beeinflusst.
Epiktet meint ein treibendes Moment im gedanklichen Zugriff, der Antrieb der mit dem Denken verbunden ist, den Impuls. Andere ├ťbersetzungen derselben Stelle sprechen von „Antrieb zum Handeln“ [├ťbersetzung Steimann, Reclam-Verlag] oder „Handeln Wollen“ [├ťbersetzung Rainer Nickel, Tusculum-Verlag]. In der Literatur erkl├Ąrt der Experte Maximilian Forschner: „Wird etwas als f├╝r mich erstrebenswert beurteilt, so ist diese Urteil von einem Handlungsimpuls begleitet.“ [M. Forschner, Die Stoische Ethik, Stuttgart 1981, S. 116.].
Gemeint ist der nat├╝rliche Zusammenhang zwischen Gut-Finden und Greifen. Ich erkl├Ąre meinen Sch├╝lern gerne, dass das unser S├Ąugetier-Erbe ist. Wenn wir etwas S├╝├čes sehen, greifen wir gerne zu; S├╝├čes erkennen wir als gut; das Gute m├╝ssen wir verzehren. Ein├╝ben kann man die Kontrolle dieses Impulses vor der S├╝├čigkeitenschale. Man geht vor├╝ber und sp├╝rt den Impuls aufkommen, dann h├Ąlt man es f├╝r einen Moment aus und sagt sich: „Nachher gibt es Essen, ich w├╝rde mir den Appetit verderben.“ oder „Ich muss auf mein Gewicht acht geben.“
Impulskontrolle und Selbststeuerung werden hier am augenf├Ąlligsten.

3. Behauptung: Unser Begehren ist unser Werk, es ist in unserer Gewalt. Jeder kennt es: Das, was einmal begehrt wurde, verliert seinen Wert. Ich pers├Ânlich habe zu viele Sakkos im Schrank h├Ąngen. Alle habe ich zu einer Zeit begehrt. Begehren ist Haben-Wollen, Herbeiw├╝nschen, Besitzen-Wollen. Die M├Ą├čigung des Begehrens, die man in jeder Weisheitslehre erw├Ąhnt findet, wird bei Epiktet erg├Ąnzt um den Hinweis: Du kannst dein Begehren z├╝geln, d├Ąmpfen, herunterfahren und aussetzen. Das Handb├╝chlein Epiktets wurde ├╝ber Jahrhunderte in M├Ânchskreisen als ├ťbungsbuch benutzt: Besitzlosigkeit als Ideal ├╝bt sich nat├╝rlich im Aussetzen oder Drosseln der W├╝nsche. Diese Haltung sich selbst gegen├╝ber ist frei. Pr├╝fen Sie es!

4. Behauptung: Unser Widerwille ist unser Werk, er ist in unserer Gewalt. Gemeint ist hier die Vermeidung von Unlust, Schmach und Ungemach. Im normalen Gang der Dinge werden wir in unseren Alltagsentscheidungen vom Lustprinzip geg├Ąngelt, unsere Neigung ist es, der Bequemlichkeit zu fr├Ânen und den leichten Weg zu suchen. Daher Meiden wir starke Anstrengungen, vermeintliche Lasten und Pflichten. Dieser Widerwille gegen dies oder das, das ist hier gemeint. Ich pers├Ânlich ziehe – als Beispiel unter vielen anderen – das Fensterputzen immer weit hinaus. Aber auch hier gilt: Unser Meiden, unserer widerwilliges Verhalten ist ganz und gar in unserer Hand.

Zusammenfassend lehrt uns Epiktet also: Pers├Ânliche Ansichten, Handlungsimpulse, Besitzstreben und Vermeidungsverhalten sind in unserer Kontrolle. Bedenkt man weiter, dass in Bezug auf alles in der Welt die Trennung in kontrollf├Ąhig und unverf├╝gbar macht, dann sagt Epiktet eigentlich: Nur diese Bereiche liegen in unserer Kontrolle. ├ťber anderes sonst haben wir eben gar keine Kontrolle.

Pers├Ânliche Ansichten k├Ânnen abge├Ąndert werden; Handlungsimpulse k├Ânnen gesteuert werden; Besitzstreben kann gelenkt und gez├╝gelt werden; und Vermeidungsverhalten kann aufgel├Âst werden. Mit anderen Worten: Epiktet fordert uns heraus zur Arbeit an uns selbst. Nicht die Welt soll uns bek├╝mmern, sondern unser Innerliches, unsere Handlungsziele, die Art und Weise wie wir mit beiden Beinen in der Welt stehen.

** Der Titel des schmalen B├Ąndchens variiert mit der ├ťbersetzung. Die online-Version von zeno.org hei├čt z. B. „Handb├╝chlein der stoischen Moral,“ http://www.zeno.org/Philosophie/M/Epiktet/Handb├╝chlein+der+stoischen+Moral

Kategorien
Allgemein

Lebensphilosophie ist zu drei Teilen Argumentation und zu sieben Teilen Ein├╝bung

Dieser Beitrag soll die bisherige Reihe zur Lebensphilosophie der Stoiker unterbrechen, um die Rede von Praktischer Philosophie zu pr├Ązisieren.

Ich befasse mich seit 16 Jahren professionell mit der Philosophie, wie sie an Universit├Ąten gelehrt wird. Das Bild der Philosophie, das von der Universit├Ąt (in Form von Vortr├Ągen, Kongressen, aber auch B├╝chern) in die ├ľffentlichkeit gestrahlt wird, ist: Philosophen sind Begriffsarbeiter, Detailanalysen, Dispute auf einem h├Âheren Level des Denkens. Philosophiert wird hier weitgehend theoretisch, um andere zu ├╝berzeugen. Die Art des Philosophierens ist oft abstrakt, ohne Veranschaulichung, abgetrennt von lebensweltlichen Erfahrungen. Dieses Bild wird erg├Ąnzt durch Philosophie, wie sie in den Medien erscheint: etwa im Schweizerischen Fernsehen „Sternstunde Philosophie“ oder in der Zeitschrift „Philosophie Magazin.“ Hier werden eher praktische Themen er├Ârtert. Praktisch bedeutet hier eben: die Art und Weise wie Menschen in der Welt (zusammen oder einzeln) wirken. Praktische Themen k├Ânnen sein: Der Klimaschutz, die Solidarit├Ąt, Abtreibung. Was Philosophierend zu solchen Themen gesagt werden kann, betrifft ganz allgemein das Richtige und Falsche und das, was getan werden soll, getan werden muss und getan werden darf. Es geht hier um Recht, Pflichten, Verpflichtungen und ethische Abw├Ągungen. Hierzu geh├Ârt nat├╝rlich auch die Theorie, auch um andere zu ├╝berzeugen.

Diese grobe Skizze des Bilds der (praktischen) Philosophie soll verdeutlichen, dass Philosophie meistens als Argumentation betrachtet wird: Als Unternehmen, ein Weltbild oder ein System von Erkenntnissen, gegen m├Âgliche Einw├Ąnde abzusichern und andere davon zu ├╝berzeugen, dass es zutreffend und richtig – oder zumindest besser als die Alternativen – ist. Das ist Philosophie als Aussage und Argumentation.

Die Praktische Philosophie, welche in den Lebensphilosophien (z. B. dem Stoizismus) zum Ausdruck kommt, ist zu vielleicht drei Teilen Aussage und Argumentation und zu sieben Teilen Ein├╝bung.

Die Theorie der Lebensphilosophie ist das, wor├╝ber wir uns verst├Ąndigen und austauschen k├Ânnen. In diesem theoretischen Bereich spielt Wahrheit und Falschheit eine Rolle; das, was wir sagen, stimmt mit der Realit├Ąt ├╝berein oder nicht. Im Bereich der Praxis der Lebensphilosophie hat Aussage und Diskussion keinen Platz und Wahrheit und Falschheit sind irrelevant.

Praktische Philosophie im Sinne der Lebensphilosophie ist eine gelebte Philosophie. Und Philosophie wird praktisch im Sinne der Lebensphilosophie, wenn ein Mensch sich entscheidet nach (s)einer Philosophie zu leben. 

Gelebte Philosophie ist das stete Bem├╝hen darum, in Taten – also praktisch – umzusetzen, was als Richtig und Gut erkannt und gelehrt wurde. Gelebte Philosophie setzt das Wort in die Tat um, harmonisiert zwischen W├╝nschen und Wollen, gleicht Absichten und Handlungen einander an, setzt Vors├Ątze in Routinen um. Sie versucht die Theorie Praxis werden zu lassen.

Das, was die gelebte Philosophie damit ins Werk setzt – die Praxis: Tat, Wille, Handlung, Routine -, kann nicht sinnvoll in den Dimension zutreffend (wahr) oder unzutreffend (falsch) bewertet werden. Die Hinsichten, nach denen gesagt werden kann, ob die lebensphilosophische Anstrengung wirklich wurden sind: Gegl├╝ckt / Fehlgeschlagen; Gelungen / Verfehlt; aufrichtig / blass; eifrig / lax.

Zusammenfassend sei gesagt: Eine Philosophie in sein Leben einzubauen – gelebte Philosophie -, das wird weder medial noch Universit├Ąt gelehrt. F├╝r dieses Handwerk braucht unsere Kultur die Niesche der Pers├Ânlichkeitsentwicklung so wie sie in Workshops und Retrievs (z. B. Wochenend-Entspannungskursen) angeboten wird. Hier wird praktisches Wissen an die Hand gegeben (Knowing How) und eine Gemeinschaft geboten, in welcher dieses Wissen ausprobiert werden kann. Innerhalb dieser Niesche verorte ich auch die Idee der Philosophischen Praxis. Sie ist ein Ort und eine Gelegenheit, Philosophie zu lernen.